Das Praktische Jahr: Willkommenskultur geht anders
Berlin (pag) – Kaum Urlaub, kein Lohn, kaum Lehre: Das Praktische Jahr (PJ) ist für so manche Medizinstudierende eine Belastungsprobe. Seit Jahren mahnen Verbände Reformen an. Nun verspricht die Regierung im Koalitionsvertrag, die Vergütungsstruktur zu „modernisieren“ und eine „gerechte“ Fehlzeitenregelung zu gestalten. Doch bislang bleibt es ein Lippenbekenntnis. Konkrete Schritte sowie ein Fahrplan fehlen.

Als letzter Abschnitt des Medizinstudiums soll das 48 Wochen dauernde PJ Studierende auf den ärztlichen Berufsalltag vorbereiten. Geregelt ist die Ausgestaltung in der Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO). Ergänzt wird diese zuweilen durch die PJ-Ordnung der jeweiligen Hochschule. Mit ihrem Sonderstatus als „Pflichtpraktikanten“ fallen sogenannte PJler nicht unter die Regularien des Arbeitsrechts. Das heißt: kein Arbeitszeitengesetz, kein Kündigungsschutzgesetz, kein Bundesurlaubsgesetz et cetera.
In Paragraph 3 Absatz 4 der ÄApprO heißt es, PJler sollen die im Studium erworbenen „ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern“. Dabei dürfen die Studenten nicht „zu Tätigkeiten herangezogen werden, die ihre Ausbildung nicht fördern“. Oder mit den Worten der Ärztin Pauline Graichen: „Es geht im PJ (…) nicht darum, uns als Lückenbüßer zu missbrauchen“. So kommentiert die damalige Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund (MB) das „PJ-Barometer 2023“. Aus dieser Umfrage geht hervor: Ein Großteil der PJler muss ärztliche Kernleistungen ohne Anleitung und Aufsicht der Ausbilder übernehmen. 77 Prozent führten laut Befragung ohne Anleitung Anamnesen, Untersuchungen, Diagnosestellungen oder Aufklärungsgespräche durch. 83 Prozent der Befragten übernahmen nichtmedizinische Aufgaben wie Botengänge. Oder auch: „Haken und Klappe halten“, schreibt ein Student. Auf die Frage, wie das PJ verbessert werden könne, antwortet ein Befragter: „Verpflichtende Standards, Kontrolle der Lehreinrichtungen, alles, was dazu führt, dass man nicht ausnahmslos als kostenloser Hakenhalter/Blutabnehmer verwendet wird.“
Keine adäquate Betreuungsstruktur
Der MB resümiert: PJler werden häufig dort eingesetzt, wo es gerade an Personal mangelt. Für Graichen ist ein Teil des Problems, dass es „keine adäquate Betreuungsstruktur“ im PJ gibt. Es werde von Ärzten am Einsatzort erwartet, dass sie Zeit und didaktische Kompetenz hätten, PJ-Studierende auszubilden. „Ein ideales PJ würde in den einzelnen Tertialen zu Beginn, im regelmäßigen Austausch und zu Ende die Erwartungen, bisher erlernten Fähigkeiten der PJ-Studierenden und die Ziele für das jeweilige Fach besprechen – und Wege für die Umsetzung dieser Ausbildungsziele finden“, konstatiert sie. So sei es in vielen PJ-Curricula vorgesehen, praktisch fehlten jedoch personelle Ressourcen.
Dr. Anna Finger, Ärztin und ehemalige Vorsitzende des Ausschusses Medizinstudierende im Hartmannbund, übt auch an der Aufwandsentschädigung deutliche Kritik: „Dass wir fast ein Jahr lang 40 Stunden und mehr in den Krankenhäusern arbeiten und einen großen Teil zur Genesung der Patientinnen und Patienten beitragen und dann trotzdem am Wochenende zusätzlich arbeiten oder uns Geld leihen müssen, um unsere Lebenshaltungskosten decken zu können, ist in hohem Maße unfair und nicht hinnehmbar.“
Die PJler erhalten bundesweit uneinheitliche Aufwandsentschädigungen. Manche Studenten bekommen Geld für Verpflegung, andere eine Entschädigung in BAföG-Höhe, wieder andere keinen Cent. Einen Überblick über die Leistungen in den einzelnen Häusern bietet der Hartmannbund auf seiner Website. Der bundesweite Durchschnitt liege bei 420 Euro im Monat, errechnet die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) in 2024. Viele PJler sind damit abhängig von einem finanziell privilegierten Elternhaus, einem Kredit oder einem Nebenjob, moniert bvmd. Das sei bei einer 40-Stunden-Woche eine erhebliche Mehrbelastung, die Behandlungsfehler provoziere und die Ausbildungsqualität gefährde.

Wohlwollende Absichtserklärungen
Zur Mehrbelastung trägt auch die Fehlzeitenregelung bei. Krankheitstage und Urlaubstage werden gleichermaßen angerechnet. Viele Medizinstudenten sparen ohnehin Fehltage, um sich auf das dritte Staatsexamen vorzubereiten. Wer krank wird, arbeitet deshalb oft trotzdem weiter.
Der 129. Deutsche Ärztetag fordert im Mai dieses Jahres die Bundesregierung in einem Antrag auf, die „angekündigten Schritte zur Verbesserung der Bedingungen des Praktischen Jahres (PJ) und der Reform des Medizinstudiums aus dem Koalitionsvertrag zügig umzusetzen“. Denn die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD fokussiert sich immerhin auf zwei Kernprobleme. Im Koalitionsvertrag heißt es konkret: „Wir wollen eine Vergütungsstruktur im Praktischen Jahr (PJ) modernisieren, die mindestens dem BAföG-Satz entspricht, und wollen eine gerechte und einheitliche Fehlzeitenregelung schaffen.“ Noch ist unklar, wer die Entschädigung zahlen soll und was unter einer „gerechten“ Fehlzeitenregelung zu verstehen ist. Eine Bund-Länder-Gruppe soll sich mit der Realisierung des Koalitionsvorhabens beschäftigen. Zeit für vorsichtigen Optimismus? Auf Anfrage der Presseagentur Gesundheit reagiert das Bundesgesundheitsministerium vage. Von der Pressestelle heißt es, noch könnten keine Details genannt werden, „die Umsetzung bleibt abzuwarten“.
Ausbildung leidet unter Vergütung
Zu Ampelzeiten zeigt sich die Union als Oppositionspartei engagiert am Thema. Im April 2024 bringt sie einen Antrag in den Bundestag auf gerechte und effiziente Ausgestaltung des PJ ein und fordert eine landes- oder bundeseinheitliche Aufwandsentschädigung. Die Autoren schreiben: „Infolge der unterschiedlichen Aufwandsentschädigungen in Deutschland ist es derzeit übliche Praxis, dass sich die Studentinnen und Studenten die Klinik, in der sie ihr PJ absolvieren möchten, anhand der Vergütungen aussuchen.“ Heißt: Das Geld entscheidet – nicht Lehrqualität, Interessensschwerpunkte oder der Ruf eines Hauses. Dabei stehe und falle eine exzellente Gesundheitsversorgung mit der Qualität der Ausbildung junger angehender Ärztinnen und Ärzte, heißt es im Antrag.
Auch bei der Gesundheitsministerkonferenz scheint Abwarten der derzeitige Modus Operandi zu sein. Auf Anfrage der Presseagentur Gesundheit antwortet eine Pressesprecherin der diesjährigen Vorsitzenden Katharina Schenk, Gesundheitsministerin in Thüringen: „Mir ist dazu nichts bekannt, insofern gehe ich davon aus, dass es demnächst kein Thema ist.“
Weiterführende Links:
Marburger Bund, Ergebnisse des PJ-Barometers 2023, PDF, 27 Seiten
Hartmannbund, PJ-Aufwandsentschädigungsliste, sortiert nach Bundesland und Fakultät
