Im Fokus

Hürden für innovative Versorgungsmodelle

Wenn die Realität überkommende Rahmenbedingungen überholt

Berlin (pag) – Versorgungsmodelle der Zukunft, vor allem für unterversorgte Regionen, sind dringend gefragt. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) will mit regionalen Gesundheitspartnern eine Antwort geben. „Steuerung, Delegation und Digitalisierung sind die Schlüsselbegriffe, um auch in Zukunft eine hochwertige Versorgung in allen Regionen Deutschlands gewährleisten zu können“, sagt vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner.

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In drei Modellprojekten geht man seit vergangenem Jahr neue Wege, „um den Versicherten ein modernes Versorgungsangebot zu machen“, erklärt Elsner. Bei der jüngsten Vorstellung der bisherigen Ergebnisse mit anschließender Expertendiskussion wird klar: Viele der erprobten Ansätze greifen, aber die Rahmenbedingungen müssen sich ändern, damit aus den Piloten mehr werden kann. Zentrale Aspekte sind feste Ansprechpartner, Zweigpraxen, mehr Kompetenzen für medizinisches Fachpersonal und gezielter Einsatz digitaler Technik. Berufe wie der Physician Assistant (PA) werden konsequent integriert, Case- und Care-Management sollen mehr Beachtung finden.

Die drei Projekte: Nordseeküste, Spreewald und Westfalen
Das regionale Versorgungszentrum Wurster Nordseeküste in Niedersachsen und die Gemeinschaftspraxis Gesenhues & Partner in Westfalen starten im Mai 2024 mit dem Projekt.
Laufzeit sind drei bis vier Jahre. Erprobt werden „innovative Versorgungsansätze“. Das Medizinische Zentrum Lübben.au im Spreewald ist seit Oktober 2024 mit im Boot. Die Standorte testen ähnliche Konzepte, weichen in ihrem Angebot aber teilweise von.einander ab. An der Nordseeküste wird etwa auf Hausbesuche mit Telemedizin durch eine nichtärztliche Praxisassistenz gesetzt. In Niedersachsen wird eine Zweigpraxis mehrere Tage die Woche durch eine PA betrieben.

Elsner stellt klar: „Unser Modell bietet eine haus- und fachärztliche Versorgung unter einem Dach und das als verbindliche Struktur.“ Dieses Angebot könne mit zusätzlichen Leistungen wie Physiotherapie oder ambulanten Operationen ergänzt werden. Auch kommunale Beratungsangebote seien denkbar. Damit seien die regionalen Gesundheitszentren mehr als Medizinische Versorgungszentren, die es schon häufig in Deutschland gebe. Diese Anbieter operierten häufig in Spezialgebieten mit „hohem IGeL-Potenzial“ (Individuelle Gesundheitsleistungen) wie etwa der Augenheilkunde.

Gerlach: „Absurdes System“

Prof. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, sieht Potenzial: „Wir können die Bevölkerung mit intelligenteren Teamansätzen, mit KI sowie mit dem Abbau unnötiger Diagnostik, unnötiger Arzt-Patienten-Kontakte und unnötiger stationärer Aufenthalte sehr gut versorgen.“ Die Idee, einfach mehr Ärzte in das „absurde System“ zu stecken, sei dagegen „völlig aberwitzig“. Man sei gleichzeitig mit Unter-, Über- und Fehlversorgung konfrontiert. Daran müsse man arbeiten. Allerdings gebe es aktuell mehrere Hürden. Etwa im Berufsrecht brauche es Anpassungen, bei Fragen wie: Wer darf ein Rezept verschreiben? Wirklich relevant ist für Gerlach die Frage, wie Patienten am besten zu versorgen seien. Das müsse im Team entschieden werden. „Was uns daran hindert, ist die persönliche Leistungserbringung durch den niedergelassenen Vertragsarzt. Das ist das Dogma unserer Honorierung.“ Für neue Versorgungsformen brauche es unbedingt ein Einschreibesystem und eine andere Praxisfinanzierung mit einem Abschied von quartalsweisen Abrechnungen.

Keine „Leistungserbringung zweiter Klasse“

Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants, Daria Hunfeld, erklärt die Finanzierung: „Im Quartal werden durchschnittlich durch die PAs zwischen 600 und 860 Patientenkontakte zusätzlich geleistet.“ Hintergrund der Zahlen ist ein Projektbericht der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL). Es wurde untersucht, wie PAs in Teampraxen integriert werden können. Laut diesem Leitfaden konnten grob 30 Prozent der Patientenkontakte im KVWL-Projekt durch PAs übernommen werden. „Das heißt, im Moment funktioniert es in der ambulanten Versorgung durch Fallzahlsteigerung und durch eine Fallwertsteigerung.“ Das führe zu einer Honorarsteigerung, die die Finanzierung der PAs ermöglicht. Hunfeld schlägt eine Neuordnung im Sinne eines Arzt-PA-Patientenkontakts vor. Dieser dürfte jedoch nicht als eine „Leistungserbringung zweiter Klasse“ interpretiert werden, sondern sei als Delegation eine gleichwertige Leistung. Für rechtliche Klarheit müsse es einen gesetzlichen Rahmen durch eine berufsrechtliche Fixierung – etwa durch eine Ausbildungsordnung – geben.

Direkt am großen Rad drehen?

Herausforderung: den Arzt-PA-Patientenkontakts neu zu ordnen. © iStock.com, stefanamer

Dr. Dominik Graf von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, sieht es als wichtigen Ausgangspunkt, Kompetenzen rechtlich klar zu kodifizieren. Das müsse aber nicht zwangsläufig in die Delegation führen. Regelungen zu vereinbaren, welche einzelnen Tätigkeiten typischerweise in einer Hausarztpraxis delegiert werden sollten, wäre der falsche Weg: „Damit machen wir uns viel der vor Ort gewonnenen Flexibilität kaputt.“ Problematisch sei, wenn zu erwartende Effizienzgewinne durch Krankenkassen direkt im Voraus durch Honorarsenkungen abgeschöpft würden.

Boris von Maydell, der beim vdek die Abteilung für ambulante Versorgung leitet, ergänzt, dass im Rahmen der Selbstverwaltung viele Optimierungen bereits jetzt möglich seien, „ohne direkt am großen Rad zu drehen“. Trotzdem brauche es Veränderungen wie eine Standardisierung der Ausbildung. Man müsse Definitionen für delegierbare Leistungen festlegen, ohne dabei zu kleinteilig zu werden, und natürlich müsse man auch an die Vergütung herangehen. „Es muss auch finanziell attraktiv für eine Praxis sein, zum Beispiel eine PA anzustellen“, so Maydell. Die Regelungen sollten aber nicht zu kompliziert werden, sonst verschiebe man alles zu weit in die Zukunft.

 

Weiterführender Link:
www.vdek.com, Projekt: Flächendeckende Versorgung durch Regionale Gesundheitszentren (RGZ)