Gütersloh/Marburg (pag) – Der Versorgungsengpass im ambulanten Bereich könnte sich dramatischer verschärfen als bisher angenommen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung über die Zukunftspläne von Hausärzten. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Gesundheitsforschung und Klinische Epidemiologie der Philipps-Universität Marburg wurden knapp 3.700 Hausärztinnen und -ärzte aus dem Bundesarztregister befragt.

24 Prozent geben an, innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Ruhestand gehen zu wollen. Veränderungen in der Wochenarbeitszeit der Mediziner wurden ebenfalls dokumentiert. Das Ergebnis: Die verbleibenden Ärzte planen, ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 durchschnittlich um 2,5 Stunden zu reduzieren. Dadurch könnte sich der drohende Ärztemangel noch stärker auswirken als bisher gemeinhin angenommen. Schon heute sind 5.000 allgemeinmedizinische Arztsitze unbesetzt. Laut Stiftung droht sich diese Zahl in den nächsten fünf Jahren zu verdoppeln.
Junge Ärzte arbeiten weniger
Der Projektmanager der Studie, Dr. Johannes Leinert von der Bertelsmann Stiftung, betont, dass die Wochenarbeitszeit „höchst relevant“ sei. Häufig blicke man nur auf die Zahl der Renteneintritte und die Zahl der Nachrücker. Die Arbeitszeitveränderungen seien oft rechnerisch überhaupt nicht berücksichtigt. „Dadurch wird die Versorgungslücke deutlich stärker als oft erwartet.“ Ein Grund für den Rückgang der Wochenarbeitszeit ist, dass die jungen, neu dazukommenden Ärzte tendenziell weniger arbeiten als die ausscheidende Generation. Durch Arbeitszeitverdichtung und effektiveres Arbeiten lasse sich nur ein Teil davon kompensieren. Künftig behandeln Ärzte also weniger Patienten pro Kopf als früher.
„Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen eine Entwicklung, auf die wir seit Langem hinweisen“, reagieren die Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes (HÄV), Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier. Ohne hausärztliche Nachwuchsinitiative werde es langfristig nicht gehen. Entscheidend dafür sei die Reform des Medizinstudiums. Hausärztliche Arbeit müsse deswegen im Medizinstudium dringend präsenter werden, fordern beide.
Länger in der Versorgung halten

Die HÄV-Spitzen sehen in der Studie aber auch gute Nachrichten – die Bertelsmann Stiftung schreibt selbstbewusst: „Es gibt Lösungen, um die Engpässe großteils auszugleichen.“ Wer in der Studie angibt, aufhören zu wollen, bekommt die Folgefrage, ob er bereit wäre, unter bestimmten Bedingungen doch noch weiterzuarbeiten. Circa 15 Prozent stimmen zu. „Es gibt also ein Potential an Hausärzten, bei denen man es schaffen kann, sie länger in der Versorgung zu halten, wenn man die richtigen Maßnahmen trifft“, sagt Leinert. Die Stiftung nennt die Umsetzung notwendiger Digitalisierungsmaßnahmen, die Reduktion unnötiger Arztbesuche sowie neue Formen der fachübergreifenden Zusammenarbeit als Lösungsansätze. Buhlinger-Göpfarth und Beier sehen deutliche Anknüpfungspunkte: „Bürokratiereduktion, eine funktionierende Digitalisierung, aber vor allem auch die stärkere Übertragung von Aufgaben an unsere Praxisteams können die Praxen nachhaltig stärken.“
