Münster (pag) – Zwei Antikörper-Wirkstoffe sind mittlerweile in Europa zur Behandlung der leichten Alzheimer-Demenz zugelassen. Handelt es sich bei ihnen um einen Gamechanger? Dazu nimmt Dr. Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen, bei einer Veranstaltung des Medizinischen Dienstes Stellung. Er äußert die Befürchtung, dass der Wert von Innovationen bei onkologischen und mentalen Erkrankungen mit unterschiedlichem Maß gemessen wird.

Der Neurologe sieht den Therapieansatz der beiden Medikamente als Gamechanger. Es handele sich um krankheitsmodifizierende, kausale Ansätze, die hochspezifisch sind – Stichwort Präzisionsmedizin – und messbare Effekte bewirken. Die Antikörper haben Meier zufolge bereits ein Umdenken bewirkt: Die Alzheimererkrankung wird inzwischen als Kontinuum betrachtet. Der Fokus richte sich auf sehr frühe Phasen, in denen die neuen Therapien zum Einsatz kommen sollen. „Time is brain“, dieses Motto aus Schlaganfallversorgung und der MS-Therapie, gilt jetzt auch für Alzheimer.
Der Experte räumt ein, dass man bisher nur kleine bis mittlere Effektstärken sehe. Er ist aber überzeugt: „Wir haben noch eine große Lernkurve vor uns.“ Zum einen geht es darum, die Subgruppen besser zu verstehen. Und zum anderen scheint der Nutzen mit der Behandlungsdauer zu steigen, weshalb die Langzeitdaten von großer Bedeutung sind. Außerdem betont der Arzt, dass auch anfangs kleine Effekte bedeuten könnten, dass bei den Patienten Alltagsfunktionen und Unabhängigkeit erhalten bleiben.
Gigantische Prävalenz
In der Versorgung sind die neuen Antikörper mit einem enormen Ressourcenaufwand verbunden – sowohl personell, räumlich als auch finanziell, sagt Maier und nennt als Notwendigkeiten: ein schnelles Screening, Ausschluss- und Biomarkerdiagnostik sowie die engmaschige Überwachung der neuen Therapien. Insgesamt sei der Aufwand, um die wenigen Patienten, die für Therapie in Frage kommen, zu identifizieren, sehr groß. Die Prävalenz der Krankheit sei gigantisch und führe zu einer erheblichen Bedarfssteigerung, wobei es schon jetzt sehr lange Wartezeiten bei Neurologen gibt, so der Vorsitzende des Berufsverbandes.
Er stellt in seinem Vortrag außerdem klar, dass Alzheimer nicht nur die Patienten und deren Angehörige betreffe, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung darstelle – nicht zuletzt angesichts der Pflegekosten. Meier appelliert daher für eine ganzheitliche Betrachtung: „Wir dürfen nicht nur auf Effektgrößen und die Studiendiskussionen schielen, sondern auch gucken, was der Effekt bei Kosten ist, die wir an anderer Stelle einsparen.“ Ein weiteres Problem: Offenbar sei es nicht selbstverständlich, dass die Standards und Erwartungen, die für biologische Therapien in anderen Bereichen vorherrschen, auch für Alzheimermedikamente gelten. Der Neurologe spricht von Hinweisen, dass Krankheiten, die das Mentale betreffen, anders bewertet werden. Über den Wert eines onkologischen Medikamentes, das dem Patienten ein sieben Monate längeres Überleben schenke, werde anders diskutiert als über den Wert eines Mittels für die geistige Klarheit. Letzteres bedürfe mehr Rechtfertigung.
