Im Gespräch

Fokus auf Pflege

Julia-Christina Stange, Serdal Yüksel und Sascha van Beek im Interview

Berlin (pag) – Drei neue Bundestagsabgeordnete unterschiedlicher parteipolitischer Couleur, die alle aus der Pflege kommen: ein Garant für lebhafte Diskussionen über Arbeitsbedingung und -belastungen, sowie die Durchschlagskraft neuer Gesetze in der Praxis.

Pflegepolitischer Trilog mit (von Links) Serdal Yüksel, Sascha van Beek, Christoph Starke (pag-Redakteur), Julia-Christina Stange und Antje Hoppe (pag-Redakteurin). Die Fotos erstellte pag-Fotografin Anna Fiolka.

Vermissen Sie im Politikbetrieb die Arbeit am Pflegebett?

Yüksel: Ich bin noch in einer WhatsApp-Gruppe mit meinen Kolleginnen und Kollegen und bekomme daher ihre aktuellen Diskussionen mit. Bis zum letzten Tag habe ich diesen Job sehr gerne gemacht und fühle mich immer noch emotional den Kolleginnen und Kollegen und ihrer Arbeit sehr verbunden.

van Beek: Zuletzt aktiv war ich im Rettungsdienst am Wochenende – also nicht am Krankenbett, sondern an der Trage. Mich würde es schon reizen, noch einmal eine Nachtschicht auf dem Krankenwagen zu machen.

Stange: Ich erinnere mich, dass ich beim Abschied im Kreißsaal auf der Neugeborenen-Intensivstation feuchte Augen bekam und mich gefragt habe, worauf ich mich nur einlasse. Sehnsucht verspüre ich noch, aber nicht nach den aktuellen Arbeitsbedingungen. Diese sind der Grund dafür, warum ich jetzt im Bundestag bin.
Apropos Arbeitsbedingungen: Der Pflegeberuf soll mit dem Befugniserweiterungs- und Entbürokratisierungsgesetz sowie dem Pflegeassistenzgesetz attraktiver werden. Wie beurteilen Sie die Durchschlagskraft der beiden Gesetze in der Praxis?

Yüksel: Wichtig ist natürlich, dass die 26 Regelungen in Deutschland zur Pflegeassistenz vereinheitlicht werden, auch die Anerkennung der Abschlüsse, sodass man in einem anderen Bundesland arbeiten kann. Derzeit haben bisweilen sogar die Bezirksregierungen ganz eigene Vorstellungen. Die Pflegeassistenz soll immer dazu ermuntern, im Anschluss die dreijährige Ausbildung nachzulegen. Das ist aus meiner Sicht sehr wichtig.

Und das Gesetz zur Befugniserweiterung?

Yüksel: … lag ja schon in der Schublage und ist über-
fällig. Im Prinzip geht es darum, dass das, was Pflegepersonen jetzt schon können, ihnen auch als Kompetenz zugestanden wird, und dass sie es auch machen dürfen. Wir konnten immer schon viel mehr, als wir durften. Das ist ein Meilenstein und wird die Attraktivität des Berufs deutlich steigern.

Herr van Beek, hatten Sie in der Pflege das Gefühl, eigentlich mehr zu können, aber nicht mehr zu dürfen?

van Beek: Das war auf der Intensivstation und Anästhesie, auf der ich gearbeitet habe, die Realität. Gerade bei der Beatmung hatten wir Pflegenden teilweise deutlich mehr Kompetenz und Erfahrung, sodass viele vernünftige Assistenzärzte auch auf uns gehört haben. Mir liegt bei der Ausbildung insbesondere die Durchgängigkeit am Herzen und dass wir jetzt auch über eine Dreistufigkeit, von Assistenz bis Studium verfügen, die man aus anderen Berufsbildern kennt.

Ihre Einschätzung zum Pflegeassistenzgesetz?

van Beek: In der Krankenpflegeschule bei uns am Krankenhaus haben wir es oft erlebt, dass zwar sehr viele angenommen werden, aber längst nicht alle die Zwischenprüfung schaffen und dann ein Jahr herumhängen und Probleme damit haben, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Sich über eine Vorstufe – die Pflegeassistenz – zu qualifizieren, um in den Beruf zu kommen, finde ich super.

Frau Stange, wie bewerten Sie die Befugniserweiterung?

Stange: Der Mythos vom Arzt, der bestimmt, und der danebenstehenden Pflegekraft, die nur ausführen darf, ist längst überholt. Dafür ist die Ausbildung viel zu hochqualifiziert. Ich würde sogar für noch mehr Selbstständigkeit der Pflegekräfte plädieren. Und warum sitzt eigentlich der Arzt noch bei uns im Examen? Warum kommen wir nicht aus diesem historischen Mythos heraus?

„Für mich ist ein ganz zentrales Problem die hohe Abbrecherquote bei der dreijährigen Pflegeausbildung. In NRW liegt sie bei 46 Prozent.“

Yüksel: Für mich ist ein ganz zentrales Problem die hohe Abbrecherquote bei der dreijährigen Pflegeausbildung. In NRW liegt sie bei 46 Prozent. Wir verlieren die Auszubildenden nicht, weil sie alle schlecht sind, sondern weil sie schlichtweg in der Ausbildung mit einer nicht funktionierenden Praxisanleitung konfrontiert sind, mit sich ständig ändernden Dienstplänen etc. Viele scheitern an dem System der schlechten Ausbildung zwischen Theorie und Praxis. Ich kenne ein konkretes Beispiel.

Nämlich?

Yüksel: Als Landtagsabgeordneter hat mich im vergangenen Jahr eine Krankenpflegeschule besucht. Von den 26 Schülern, die vor dem Examen standen, wollten 24 aus dem Job wieder raus. Ein Problem war, dass sie bei Beschwerden über den Stationsalltag von der Schule noch einen über die Mütze bekommen haben. Dann darf man sich nicht wundern, dass die Sache vor die Wand fährt.

Und das Gesetz bringt jetzt die Kehrtwende?

Stange: Dabei handelt es sich ja nur um ein Puzzleteil. Die Abbrecherquote sollte man sich auf jeden Fall noch einmal angucken. Aber auch die Generalistik muss evaluiert werden.

Worum geht es Ihnen dabei konkret?

Stange: Die Kolleginnen, die nach dem Examen in die Klinik kommen, brauchen mittlerweile eine doppelte bis dreifache Einarbeitungszeit im Vergleich zu denen, die vorher in der Nicht-Generalistik waren. Es müssten daher Module zur Spezialisierung ergänzt werden. Es funktioniert nicht, diese Pflegenden in einen Betrieb zu schicken, der unter Personalmangel leidet und zu viele Patienten hat. Parallel dazu soll dann noch jemand in der Nephrologie, in der Onkologie oder in der Pädia-trie angelernt werden? Das funktioniert nicht, wenn wir Fachkräfte haben wollen, die nachhaltig im Beruf bleiben.

Mittlerweile gibt es neue Berufsbilder wie Community Health Nurse oder Advanced Practice Nurse. Was halten Sie davon?

Yüksel: Ich bin ein absoluter Anhänger. Vor acht Jahren
habe ich mir in Kanada einen Gesundheitsstandort angeschaut, an dem Pflegekräfte eigenständig für Impfungen zuständig waren. EKGs wurden geschrieben und der Kardiologie übermittelt. Die Pflegekräfte haben sehr eigenständig gearbeitet und Ärzte bei Bedarf telemedizinisch zugeschaltet. Ob man das Gemeindeschwester nennt oder andere Begriffe benutzt, ist mir am Ende egal. Im Kern geht es darum, dass Pflegekräfte das tun dürfen, was sie können – Kompetenzen und Befugnisse, darauf läuft es immer hinaus. Auch die skandinavischen Länder machen uns das vor. Bei uns dagegen wehren sich die Ärzte, etwas abzugeben. Es gibt ja nicht viele Situationen, die das Potenzial haben, hierzulande eine Revolution auszulösen. Aber sich mit Ärzteverbänden anzulegen, dürfte dazugehören.

Herr van Beek, was kennen Sie für Best-Practice-Beispiele aus dem Ausland?

van Beek: Ich kenne, weil ich an der Grenze wohne, das niederländische System: Dort werden Diabetes- und Bluthochdruckpatienten von speziell ausgebildeten Pflegekräften betreut und sehen nur höchst selten einen Arzt oder eine Ärztin. Mir ist es aber wichtig, bei dieser Diskussion beide Stränge zu betrachten – die Pflegekräfte und die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Auch bei Letzteren besteht mit Qualifizierungen enormes Potenzial, Stichwort Physician Assistant, PA. Insbesondere bei chronisch Erkrankten. Ich sehe im System Praxishelfer, MFA und PA ähnliche Chancen, wie bei der Durchlässigkeit bei der Pflegeausbildung.

Stange: Ich fände es wichtig, für Community Health Nurses einen praktikableren Begriff zu suchen, damit die Menschen verstehen, an wen sie sich wenden. Ich komme aus Rheinland-Pfalz, wo in der Fläche bereits sehr viel Unterversorgung, verursacht durch Klinikschließungen, besteht. Mich würde daher interessieren, wer solche Projekte wie Gemeindeschwestern finanziert. Die Kommunen sind klamm.

Yüksel: Die Sozialversicherung.

„In meiner Heimat Rheinland-Pfalz haben bereits viele ländlich geprägte Krankenhäuser geschlossen.“

Stange: So deutlich habe ich das bislang nicht gehört. Bei den Advanced Practice Nurses handelt es sich um eine sehr attraktive Stellenbeschreibung, die aber eher in der Theorie geboren und in der Praxis noch nicht angekommen ist. Ich kenne einige Kolleginnen, die über die erforderlichen Qualifikationen verfügen und sich so nennen möchten.

Aber?

Stange: Wenn sie in ihren Häusern nach der Einstufung und Bezahlung fragen, ist man darauf nicht vorbereitet. Deshalb möchte ich auch davor warnen, dass wir uns nicht völlig verrennen – gerade mit den ganzen Begrifflichkeiten – sondern immer auch das große Ganze sehen.

Das Thema Personalmangel klang schon oft durch. Aber inwiefern handelt es sich wirklich um einen Mangel an Pflegekräften und nicht vielmehr um einen Mangel an deren bedarfsgerechter Verteilung?

Stange: In meiner Heimat Rheinland-Pfalz haben bereits viele ländlich geprägte Krankenhäuser geschlossen. Dort ist der Plan, dass sich die Kolleginnen im nächstgrößeren Haus bewerben, nicht aufgegangen – weil beispielsweise die Kinder in einem bestimmten Betreuungsnetzwerk untergebracht sind oder weil die Zeit fehlt, noch eine halbe bis ganze Stunde länger zu fahren. Gerade nach dem Nachtdienst ist das brandgefährlich. Die Leute gehen eher in einen anderen Beruf, zumal auch Hemmungen bestehen, bei einem deutlich größeren Haus anzufangen. Unterstützungsangebote gibt es in dieser Hinsicht keine.

Yüksel: Die Wahrheit liegt ein bisschen in der Mitte: Die Krankenhauslandschaft wird sich weiter konsolidieren müssen. Es gibt immer noch Doppelstrukturen und zu wenig Spezialisierung. Die damit verbundenen Schwierigkeiten sind beispielsweise in den Reports der Barmer oder der AOK nachzulesen.

Wie sieht es denn im Ruhrgebiet aus, Herr Yüksel? Ihr Wahlkreis ist Bochum.

Yüksel: Im Ruhrgebiet sind die Menschen im Schnitt zehn Jahre älter als der Bundesdurchschnitt. Das hat Auswirkungen auf Erkrankungen, Stichwort Multimorbidität etc. Deshalb haben wir dort eine andere Krankenhauslandschaft als beispielsweise im ländlichen Raum oder in Gegenden, wo größtenteils junge Menschen leben. Dennoch werden wir nicht darum herumkommen, Effizienzreserven zu heben. Derzeit gehen die meisten Krankenhäuser durch Fusionen vom Netz. Es kann sinnvoll sein, Abteilungen – etwa für Gefäßchirurgie – zusammenzulegen. Eine weitere Frage lautet, ob alle derzeit stationär stattfindenden Eingriffe weiterhin in der Klinik erfolgen müssen oder vielleicht auch einige davon in einem MVZ durchgeführt werden könnten. Auch eine stärker sektorenübergreifend organisierte Versorgung – etwa in Polikliniken – könnte die Antwort darauf sein, dass es gerade im ländlichen Raum trotz Krankenhausschließungen nicht zur Verschlechterung der gesundheitlichen Versorgung kommt.

„Nach meiner Erfahrung sind diejenigen, die sich informiert haben, durchaus bereit, eine Stunde zu fahren, wenn es beispielsweise um ein neues Gelenk geht.“

van Beek: Um auf Ihre Frage nach dem Mangel an Pflegekräften zurückzukommen: Ich glaube, das ist eindeutig – natürlich haben wir nicht genügend Pflegende. Und es ist ja nicht so, als würden sich nicht alle Gedanken darüber machen, wie man effizienter arbeiten kann. Das gilt auch für die einzelnen Stationen, die in der Not sind und alle Möglichkeiten nutzen. Sie muss man noch mehr unterstützen, damit Personal auf der Station ist und vor allen Dingen auch mehr Pflege am Bett ermöglichen. Zur eben angesprochenen Krankenhausplanung: Das Einzige, was flächendeckend gewährleistet sein muss, ist die Notfallversorgung. Innerhalb von 20 Minuten muss eine stationäre Notfallversorgung erreichbar sein. Wie groß diese Einheit konkret ist, sollte abhängig von der Bevölkerungszahl sein, aber eine solche Struktur muss vorhanden sein.

Und was ist mit den elektiven Bereichen?

van Beek: Nach meiner Erfahrung sind diejenigen, die sich informiert haben, durchaus bereit, eine Stunde zu fahren, wenn es beispielsweise um ein neues Gelenk geht. Deshalb halte ich Qualitätskriterien und Steuerung auch für enorm wichtig, weil sonst diejenigen, die sich nicht informieren können und mobil sind, herunterfallen. Darin besteht die eigentliche Ungerechtigkeit unseres Gesundheitssystems.

 


 

Julia-Christina Stange

Julia-Christina Stange

Die Fachkinderkrankenschwester Julia-Christina Stange vertritt seit Beginn der 21. Wahlperiode als Mitglied des Landesverbandes Rheinland-Pfalz die Partei Die Linke im Bundestag. Sie ist Sprecherin für ambulante Versorgung, Frauengesundheit und Ausbildung im Gesundheitswesen. Außerdem ist sie ordentliches Mitglied und Obfrau im Gesundheitsausschuss.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sascha van Beek

Sascha van Beek

Ebenfalls ein neues Gesicht im Bundestag ist der Gesundheits- und Krankenpfleger Sascha van Beek: Der CDU-Politiker hat unter anderem Katastrophenmanagement im Gesundheitswesen in Wales studiert. Er ist Mitglied des Gesundheitsausschusses und unter anderem Sprecher für Globale Gesundheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Serdal Yüksel

Serdal Yüksel

Der SPD-Politiker ist Krankenpfleger und Gesundheitsmanager. Bevor er dieses Jahr in den Bundestag gewählt wurde, war er Abgeordneter des Landtages Nordrhein-Westfalen. Yüksel ist Mitglied des Gesundheitsausschusses und Berichterstatter unter anderem für Heilberufe und Delegation/Substitution.