In Kürze

HIV-Bekämpfung: Erfolg auf der Kippe

Berlin (pag) – Die globalen Anstrengungen im Kampf gegen HIV stehen vor einer ungewissen Zukunft. Durch Sparmaßnahmen verschiedener Länder sind Erfolge in der HIV-Bekämpfung gefährdet, befürchtet der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Hendrik Streeck.

„In diesem Jahr haben nicht nur die USA angekündigt, die Gelder zu streichen, sondern auch Frankreich, Deutschland, England und die Niederlande“, konstatiert der Virologe Streeck in einer Veranstaltung des auf HIV/Aids spezialisierten Pharmaunternehmens ViiV Healthcare. Insgesamt finanzierten diese fünf Länder rund 90 Prozent des globalen Kampfes gegen HIV. Größter Finanzier waren die USA. Die weltweiten Budgets für Entwicklungshilfe gehen ebenfalls zurück. Das führe sehr wahrscheinlich auch zu Kürzungen in der internationalen Hilfe für HIV-Bekämpfung, befürchtet der CDU-Politiker.

Trotz aller Kritik hat Streeck auch Verständnis für die knappen Kassen der Bundesregierung. Dennoch warnt er davor, durch die Kürzungen die Erfolge der letzten Jahre in Teilen zu verspielen. Die Inzidenz werde moderat in die Höhe klettern, späte Diagnosen würden ansteigen. Er warnt auch vor weniger HIV-Screenings und mehr unbekannten HIV-Infektionen. Durch Therapieunterbrechungen komme es zu mehr Todesfällen und steigender Morbidität. „Die Sorge besteht zusätzlich, dass durch On-off-Therapieunterbrechungen auch Resistenzen entstehen“, so der Virologe.

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UNAIDS-Ziel für 2025 verfehlt

Um weiterzukommen, brauche es politischen Willen, so Streeck. In der Corona-Pandemie habe man gesehen: „Wenn ein politischer Wille da ist, dann ist da auch ein Weg.“ Das erklärte UNAIDS-Ziel für 2025 lautet 95-95-95. Das heißt: 95 Prozent der mit HIV lebenden Menschen kennen ihren HIV-Status. Von ihnen erhalten 95 Prozent die HIV-Medikamente. Bei 95 Prozent davon wirkt die Medizin so gut, dass die HIV-Vermehrung unterdrückt ist und HIV nicht sexuell übertragbar ist. Einige Länder wie Botswana, Eswatini und Ruanda konnten dieses Ziel bereits erreichen. Weltweit sei man aktuell bei 86-77-72 – „also weit davon weg, was wir eigentlich erreichen wollten“, konstatiert Streeck.

In Deutschland habe man das Ziel verfehlt, moniert Dr. Hannah Linke, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Gesellschaft. 92-99-95 sei hierzulande der aktuelle Stand. Linke spricht auch über Patientengruppen unter dem Radar: Keinen Abfall bei Neuinfektionen habe es seit 1990 bei Menschen gegeben, die sich hierzulande auf heterosexuellem Weg ansteckten. „Menschen, die wir bis jetzt schlecht erreichen“, zeigt sie sich enttäuscht. Das gelte auch für Männer mit Migrationshintergrund, die Sex mit Männern haben. Und: Bei Drogengebrauchenden gebe es sogar steigende Raten von HIV-Neudiagnosen.

Trotz bedeutsamer Fortschritte, insbesondere in der Behandlung von HIV, stecken sich noch jedes Jahr 1,3 Millionen Menschen neu an. Heruntergerechnet heißt das: Alle 24 Sekunden erhält irgendwo auf der Welt jemand die Diagnose HIV-positiv.