Berlin (pag) – Das Zukunftsforum Public Health hat Eckpunkte für eine Public-Health-Strategie für Deutschland vorgelegt. Das Ziel: ein starkes und handlungsfähiges Public-Health-System, das die Gesundheit aller in den Mittelpunkt stellt.
Deutschland brauche jetzt eine Public-Health-Strategie, um die gesundheitlichen Folgen der Pandemie abzufangen und die gesellschaftlichen Abwehrkräfte für zukünftige Pandemien zu stärken, argumentiert das Forum. Ein handlungsfähiges Public-Health-System fördere das Vertrauen der Bevölkerung in öffentliche Institutionen und sei grundlegende Voraussetzung dafür, allen Menschen ein Leben in bestmöglicher Gesundheit zu ermöglichen. „Die Pandemie legt schmerzlich offen, dass alle Lebensbereiche davon abhängen, dass unser Public-Health-System funktioniert“, betont Prof. Nico Dragano vom Universitätsklinikum Düsseldorf.
Die Autoren der Strategie konstatieren, dass Deutschland zwar ein gut etabliertes Versorgungssystem habe – „ein Public-Health-System fehlt dagegen“. Ein systematischer Ansatz zur Sicherung und Förderung der Gesundheit auf Bevölkerungsebene sei dringend notwendig. Dieser Befund gelte nicht nur für den gesundheitlichen Ausnahmezustand einer Pandemie.
In dem Papier wird eine übergeordnete, generische, nationale Krisenplanung und ein gut vorbereitetes, klar strukturiertes Krisenmanagementsystem verlangt, um Gesundheitsgefahren zu vermeiden oder zumindest frühzeitig erkennen zu können. Für die Bewältigung von Gesundheitskrisen müssten Strukturen, Organisationen und Zuständigkeiten auf kommunaler, Länder- und nationaler Ebene eindeutig bestimmt, die behördliche Risiko- und Krisenkommunikation abgestimmt sowie der Lage angepasst und zielgruppenspezifisch ausgerichtet sein.
Die Eckpunkte umfassen auch die Surveillance – „solide Datengrundlagen schaffen und nutzen“, lautet die Marschrichtung. Um Problemlagen zu identifizieren und Public-Health-Maßnahmen zu planen, sei eine kontinuierliche und systematische Erhebung, Analyse, Interpretation sowie Berichterstattung von gesundheitsbezogenen Daten notwendig. „Hierfür bedarf es eines Konzepts für eine nationale Public-Health-Surveillance, die auch die Länder- und kommunale Ebene umfasst“. Auch Daten aus anderen Politikbereichen, zum Beispiel Sozialindikatoren und Umweltdaten, sollten integriert werden, fordern die Autoren.
Experten plädieren für längere Praxisöffnungszeiten und weniger DRGs
Berlin (pag) – Stärkung des ambulanten Sektors, Neuaufstellung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD), heilkundliche Kompetenzen für Pflegefachkräfte, effiziente und effektive Datennutzung und eine Krankenhausstrukturreform – in einem „Richtungspapier“ geben Experten aus dem Gesundheitswesen, ausgehend von den Lehren aus der Corona-Pandemie, Reformempfehlungen.
Bei den Autoren handelt es sich um die Krankenhausexperten Prof. Boris Augurzky (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) und Prof. Reinhard Busse (Technische Universität Berlin), Prof. Ferdinand Gerlach, den Vorsitzenden des Sachverständigenrats (SVR) Gesundheit, und die Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Prof. Gabriele Meyer (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg). Das Papier wurde im Auftrag des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg), der Bertelsmann Stiftung und der Robert Bosch Stiftung angefertigt.
Barmer-Vorstandsvorsitzender Prof. Christoph Straub hält bei der Vorstellung der Empfehlungen fest, dass sich der ambulante Sektor in der ersten Welle der Corona-Pandemie bewährt habe. Es gelte, dieses System weiter zu stärken. Videobehandlungen und die Krankschreibung per Telefon sollten „zumindest in geeigneten Fällen als Teil der Routineversorgung dauerhaft verstetigt werden“, heißt es im Papier. Dem versucht in Teilen das Bundesgesundheitsministerium nachzukommen. Im geplanten Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz ist eine Ausweitung der Videobehandlungen auf bis zu 30 Prozent pro Quartal vorgesehen.
Zentralisierung: stationär und ambulant
Auch ein Home-Telemonitoring von besonderen Patientengruppen könnte zunehmend in das Aufgabengebiet der Vertragsärzte fallen. Dazu „sollten schnellstmöglich entsprechende infrastrukturelle und Abrechnungsvoraus-setzungen geschaffen werden“, so die Autoren. Nach Busses Auffassung „muss der ambulante Sektor in Zentren übergehen“. Das gehe auch mit längeren Öffnungszeiten einher. Busse denkt dabei an zwölf Stunden.
Die Autoren machen sich außerdem für eine stärkere Verzahnung und Überwindung der Sektoren stark. Die Fallpauschalen dürften nicht mehr das Maß aller Dinge sein. Augurzky schlägt stattdessen regionale Gesundheitsbudgets und Vorhaltefinanzierungen vor, die das DRG-System ergänzen sollen. Notwendig seien aber eine Zentralisierung und Spezialisierung der Kliniklandschaft. „Auch in ,normalen‘ Zeiten ist es wichtig, dass nur die Krankenhäuser Patient:innen behandeln, die über die entsprechende technische Ausstattung und personelle Expertise verfügen. Für gute Behandlungsergebnisse ist nicht die Nähe, sondern die Ausstattung der Krankenhausstandorte ausschlaggebend“, schreiben die Autoren.
Dass die Politik den ÖGD mit dem „Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst“ fördern will, begrüßt Gerlach. Im Papier wird empfohlen, dass sich der Öffentliche Gesundheitsdienst auch anderen akademischen Disziplinen wie etwa den Sozialwissenschaften öffnen müsse. Außerdem fehle ihm derzeit eine wissenschaftliche Basis – Gerlach hält fest, dass es keine Fachgesellschaft gibt – sowie keine Koordination auf Landes- oder Bundesebene. „Eine Stärkung des ÖGD trägt […] dazu bei, dass auch mittel- bis langfristig Fragen der öffentlichen Gesundheit als Querschnittsthemen in andere Bereiche getragen werden und das Prinzip ,Health in all Policies‘ gestärkt wird“, heißt es im Richtungspapier.
Für die heilkundliche Übertragung gewisser Aufgaben auf Pflegeberufe in der Primärversorgung macht sich Meyer stark. Besonders in ländlichen Regionen, in denen die ambulante Versorgung quasi nicht mehr vorhanden ist. Der Gesetzgeber habe bereits vorgelegt. „Wir müssen einfach die Modelle mit Leben füllen“, fordert Meyer. „Wenn eine Pflegefachkraft, die eine Expertise in der Wundversorgung hat, heute noch den Facharzt bitten muss, ein Rezept auszufüllen, und ihm sagt, was dort draufzustehen hat, dann ist das eine Sollbruchstelle, die wir jetzt unbedingt überwinden müssen.“
All diese Visionen lassen sich nach Meinung der Autoren mit Nutzung der digitalen Möglichkeiten besser verwirklichen. Straub wünscht sich, dass Ressourcen und Kapazitäten dadurch gemonitort werden können. Als Beispiel nennt er das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Zudem sei die Datengenerierung immens wichtig für die Versorgungsforschung.
Das Thema Datensicherheit und Datenschutz spricht Gerlach an. Beides hätte in Deutschland „einen wesentlich höheren Stellenwert als der Nutzen“. Es sei fahrlässig und ethisch bedenklich, wenn man Daten missbrauche. Aber es sei genauso fahrlässig und ethisch bedenklich, wenn man vorhandene Daten nicht bestmöglich nutze. Seine Devise: „Daten teilen heißt besser heilen.“
Kritik der Klinikfunktionäre
Das Papier löst beim Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands und beim Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands Kritik aus. Beide sehen in dem Richtungspapier „eine Fortsetzung der immer neuen Versuche, die flächendeckende Krankenhausversorgung in Deutschland nachhaltig zu beschädigen und die Klinikversorgung auf wenige Großkrankenhäuser zu konzentrieren. Das haben andere Länder in Europa getan und sind damit deutlich schlechter durch die erste Pandemiewelle gekommen als Deutschland“.
März 2020: Die „schwarze Null“ wird gekippt, Theater und Opernhäuser geschlossen, Grenzen im Schengen-Raum dichtgemacht, über die Verstaatlichung von Unternehmen wird nachgedacht und vieles mehr. Kein Politikfeld, das nicht vom Coronavirus erfasst ist. Die Idee von „Health in all Policies“ (HiaP) hat sich auf fast zynische Weise schlagartig manifestiert.
Der Geist von Alma-Ata, wo die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1978 konferierte mit dem Ergebnis, eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik zu verfolgen, hat sich schlagartig in Realpolitik verwandelt. In Pandemie-Zeiten wird alles dem Thema Gesundheit untergeordnet. „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“, soll Arthur Schopenhauer gesagt haben. Diese bittere kollektive Erfahrung machen gerade alle Gesellschaften und Volkswirtschaften durch. Aussprüche wie „Es wird nichts mehr so sein, wie es einmal war“ lassen erahnen, dass diese durch ein Virus ausgelöste globale Krise noch lange im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird. Ob Gesundheit dauerhaft auch in allen politischen Entscheidungsfindungen der verschiedenen Sektoren verstärkt mitgedacht werden wird, ist noch lange nicht ausgemacht. Jedenfalls dürfte das Konzept einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik weltweit eine höhere Aufmerksamkeit erfahren.
Grenzenlose Gesundheitskonzepte gegen grenzenlose Ansteckung
In einem Interview am 22. Oktober 2019 zur Eröffnung des World Health Summit in Berlin nennt dessen Gründer, Prof. Detlev Ganten, als eines von drei Hauptproblemen für die globale Gesundheit die Infektionskrankheiten. Sie machten „nicht an nationalen Grenzen halt und verbreiten sich zunehmend über die immer mobilere Weltbevölkerung. Wir brauchen dringend gute Infrastrukturen und Frühwarnsysteme“. Auf die Frage, was seine Forderung an die Politik sei, meint Ganten: „All diese Probleme sind global und können nicht länger als nationale Einzelprobleme diskutiert werden. Wir können sie nur gemeinsam, multilateral lösen.“ Die internationale Politik müsse das endlich erkennen – das gelte vor allem für Gesundheitspolitik. Gesundheit müsse global gedacht werden, so Ganten weiter, die Zeit nationaler Alleingänge sei endgültig vorbei. „Und Gesundheit muss in alle Politikbereiche – das Konzept „Health in all Policies“ muss endlich umgesetzt werden.“
Es bleibt abzuwarten, ob die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse aus der Corona-Pandemie ziehen und Handlungen in Gang setzen werden.
Berlin (pag) – Mit gesundheitlichen Ungleichheiten beschäftigen sich gleich drei jüngst erschienene Publikation von WHO, OECD sowie Leopoldina. Darin werden der Politik vielfältige Empfehlungen für Chancengleichheit gegeben.
Die OECD-Studie „Health for Every-one?“ untersucht, wo und wie die gesundheitlichen Unterschiede ausgeprägt sind. Sie bezieht sich auf Daten aus allen EU-Ländern sowie Chile, Kanada, Mexiko, Norwegen und den USA. Um gesundheitsbezogene Ungleichheiten anzugehen, existiere eine breite Palette an Optionen: „This should start with public health interventions that more specifically target disadvantaged population groups helping them to adopt more healthy lifestyles.“ Auch die Verbesserung der Gesundheitskompetenz wird als wichtiger Faktor genannt. Ferner sei sicherzustellen, dass empfohlene Präventionsprogramme auch Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigerem sozio-ökonomischen Status erreichen. „This can require improving service availability in rural and disadvantaged urban areas.“
Der „Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit in der Europäischen Region der WHO“ führt fünf Voraussetzungen auf, die erfüllt sein müssen, um für alle ein gesundes Leben zu verwirklichen: hochwertige und leicht zugängliche Gesundheitsleistungen, Einkommenssicherheit und soziale Absicherung, menschenwürdige Lebensbedingungen, Sozial- und Humankapital sowie Beschäftigung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Die WHO appelliert eindringlich: „Kurzfristig gesundheitliche Chancengleichheit zu verwirklichen, ist möglich – selbst innerhalb politischer Zyklen“.
Ungleichheit im Lebensverlauf
Der Befund, dass trotz Verbesserungen von Gesundheit und Wohlbefinden in der Europäischen Region innerhalb der Länder Ungleichgewichte fortbestehen, trifft auch für Deutschland zu. Prof. Johannes Siegrist und Prof. Ursula M. Staudinger konstatieren in dem Leopoldina-Papier „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf“, dass zwar die Lebenserwartung hierzulande weiter gestiegen sei, aber „immer noch sterben Menschen mit geringerem sozialem Status viele Jahre früher als sozial besser gestellte Menschen“. Bereits Mitglieder der zweithöchsten von fünf Einkommensschichten hätten eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung als die der ober-sten Schicht. Angesichts der Unterschiede von Krankheit und Sterblichkeit zwischen sozialen Schichten machen sich die beiden Wissenschaftler für ein nationales Programm stark, das diese Ungleichheit verringert. Mittelfristig könnten daraus nachhaltige Gesundheitsgewinne für ganze Bevölkerungen erwartet werden – selbst wenn diese sich bisher nur in seltenen Fällen in einer veränderten Sterblichkeit niederschlagen. Siegrist und Staudinger sind überzeugt, dass Deutschland für diese Aufgabe gut gerüstet ist. Allerdings sei das vorherrschende Verständnis von Gesundheitspolitik als Förderung des Versorgungssystems auszuweiten: Die Gesundheit der Bevölkerung ist als Handlungsfeld verschiedener abgestimmter Bereiche politischer Gestaltung zu verstehen.
Berlin (pag) – Seltene Einigkeit: Sowohl die Drogenbeauftragte der Bundesregierung als auch Fachpolitiker räumen auf einem Parlamentarischen Abend von Sanofi freimütig ein, dass es im Gefängnis so gut wie keine Substitutionstherapie für Opioidabhängige gibt.
Die damalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, treibt das Thema unterversorgte Drogenabhängige im Strafvollzug schon lange um. Die Richtlinie der Bundesärztekammer, wonach Opioidabhängige auch in dem besonderen Setting Gefängnis einen Anspruch auf Substitutionstherapie haben, wird in Deutschland nicht gelebt. Auf dem Parlamentarischen Abend kündigt Mortler an, dies zu einem Schwerpunkt im nächsten Sucht- und Drogenbericht zu machen. Es herrscht Übereinstimmung bei den Abgeordneten aus Bund und Land darüber, dass die Versorgung verbessert werden muss. Der Teufelskreis für drogenabhängige Menschen, die nicht selten aufgrund ihres Drogenkonsums im Gefängnis landen, kann durch Therapie unterbrochen werden. Mortler macht einige klare Ansagen: „Ich will, dass Kassenärztliche Vereinigungen das Substitutionsangebot sichern oder ausbauen. Der Rechtsrahmen ist viel weiter als die Umsetzung vieler deutscher Substitutionsärzte.“ Der Gefängnisarzt Dr. Marc Lehmann aus dem Berliner Justizvollzug spricht ein weiteres Problem an: das Entlassmanagement. Der Abhängige sollte die Krankenversicherungskarte direkt bei der Entlassung ausgehändigt bekommen, damit er einen Arzt aufsuchen kann. Als vorbildlich für eine opioidgestützte Behandlung im Gefängnis gilt Nordrhein-Westfalen. Suchtexperte Prof. Norbert Scherbaum vom Klinikum Essen erläutert die Implementierungsstrategie der Substitutionsbehandlung. Wichtigster Punkt: Das Justizministerium muss die Federführung übernehmen.
Erst kürzlich hat eine Initiative von 20 Organisationen, die sich für Verbesserungen in der Versorgung drogenabhängiger Inhaftierter einsetzt, einen Sechs-Punkte-Forderungs-katalog erarbeitet mit der Überschrift: „Prison Health is Public Health“.
Berlin (pag) – Der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit wird seit Jahren untersucht und ist gut belegt. Zur Eröffnung des gleichnamigen Kongresses stellt Prof. Martin Dietrich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) klar, warum dieser weiterhin besonderer Aufmerksamkeit bedarf.
Armut sei hierzulande nicht primär lebensbedrohlich. Nur selten mangele es sozial Benachteiligten an genügend Kalorienzufuhr oder Kleidung. „Armut äußert sich bei uns auch darin, nicht genügend am gesellschaftlichen Leben und Fortschritt teilzuhaben“, sagt Dietrich. Er kritisiert, dass sich viele Ansätze zur Verbesserung der Gesundheit bisher eher auf versorgungstechnische
Lösungen fokussierten. Sie seien daher kaum oder nur sehr begrenzt wirksam, wenn es darum geht, gesundheitliche Chancen „gleichheitlich“ zu fördern. Der BZgA-Vertreter hebt hervor, dass sich neben dem sozioökonomischen Status das soziale Kapital, das sich insbesondere darin ausdrückt, wie gut die Person in ein funktionierendes soziales Netz eingebunden ist, nachweislich auf die Gesundheit auswirkt. „Je besser jemand gesellschaftlich eingebunden ist, desto besser wird ihre oder seine Gesundheit sein.“
Umfassender Blick auf Armut
Auf dem Kongress wird Gesundheit weniger als die Abwesenheit von Krankheit verstanden, sondern im Sinne der Weltgesundheitsorganisation als ein umfassendes körperlich-seelisches und soziales Wohlbefinden. Bei Armut wird nicht nur der finanzielle Teil in den Blick genommen. Es geht um erlebten Mangel, aber genauso um verminderte gesellschaftliche Teilhabe. Prof. Stefan Sell empfiehlt in seinem Vortrag, den Blick nicht nur auf das zu richten, was die offizielle Sozialwissenschaft als Armut definiert. Gerade mit Blick auf die gesundheitlichen Folgewirkungen seien auch die Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor in den Blick zu nehmen: 3,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte verdienten hierzulande weniger als 2.000 Euro brutto im Monat. Diese Gruppe bekomme relativ gesehen am wenigsten Unterstützung und „natürlich hat so etwas krankmachende Tendenzen“, sagt der Sozialwissenschaftler.
In seinem Vortrag weist Sell außerdem auf die hohe Quote jener Erwerbstätigen hin, die – obgleich anspruchsberechtigt – Hartz IV nicht beziehen. 2017 seien das konservativen Berechnungen zufolge mindestens 2,2 Millionen Personen gewesen. Bei den Gründen spielen Sanktionen eine ganz wichtige Rolle, führt Sell aus und betont: „Wir unterschätzen die nachgewiesene krankmachende Wirkung, die wir durch harte Sanktionsinstrumente in unseren Sozialleistungssystem haben und beobachten.“ In den USA konnte beispielsweise eine Studie diese Wirkung bei alleinerziehenden Müttern belegen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren wurde belegt: Je härter die Sanktionen der Armutsbekämpfungsprogramme, desto stärker die negativen Folgen für die mentale Gesundheit der Frauen. Eine Verschärfung der Sanktionen hatte steigende Erkrankungsraten zur Folge. In Großbritannien haben Berichte über die krankmachenden Folgen Wirkung gezeigt. Wie Sell berichtet, hat die Regierung 2013 die äußerst harte Sanktionspraxis reduziert.
Ein gelungenes Beispiel für „Politik macht Gesundheit“ – das diesjährige Motto des Kongresses.
Berlin/Magdeburg (pag) – Verschiedene Blickwinkel auf das Thema Gesundheit und Gesellschaft: Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina widmet der „Gesundheitlichen Ungleichheit im Lebensverlauf“ ein Symposium. Um die „gesellschaftlich Abgehängten“ geht es auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) in Magdeburg.
„Wer sich von der Gesellschaft abgehängt und ausgeschlossen fühlt, der wird krank“, bringt es Diplom-Sozialpädagoge und DGSP-Vorstand Stefan Corda-Zitzen bei der Jahrestagung auf den Punkt. Dem Thema ihres Treffens, „Sozialpsychiatrische Versorgung unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Ungleichheiten“, nähert sich die Fachgesellschaft auf unterschiedlichen Ebenen. Mehrere Referenten betonen, wie wichtig eine aktive Zivilgesellschaft für den stabilen sozialen Zusammenhalt in einer Region sei. Angelika Lacroix, Pflegedienstleiterin beim Klinikum Bremerhaven, beschreibt das Potenzial von Genesungsbegleitern im psychosozialen Versorgungssystem. Und Prof. Henning Daßler von der Hochschule Fulda erläutert, wie Empowermentstrategien dabei unterstützen können, Hilfsstrukturen zu entwickeln. Angesichts ökonomischer Zwänge und dem Erleben von „Entmächtigung“ im gemeindepsychiatrischen Alltag gebe es bei den Professionellen häufig keinen Willen für notwendige und innovative Veränderungen im psychosozialen Versorgungssystem. Insbesondere durch Netzwerkbildung und fachpolitisches Engagement ließe sich dem entgegenwirken.
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Umverteilung von unten nach oben
Bei der Leopoldina-Tagung geht es unter anderem um die Auswirkungen der sozioökonomischen Lage auf die Lebensdauer. Die Unterschiede in der Lebenserwartung sind hierzulande enorm, wie Prof. Johannes Siegrist, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, darstellt: Frauen aus wohlhabenden Verhältnissen in Deutschland lebten vier bis sechs Jahre länger als arme Frauen, bei Männern betrage diese Differenz im Durchschnitt acht Jahre. „Die Thematik gewinnt leider zunehmend an Relevanz“, sagt Prof. Ursula Staudinger von der Columbia Universität in New York, denn offenbar wächst die gesundheitliche Ungleichheit mit dem Wohlstand eines Landes. Entsprechende Analysen diskutieren die Experten auf der Tagung. „Wir sehen weltweit in den entwickelten Ländern ein Auseinanderdriften der Schere“, sagt Staudinger. Auf Konsequenzen für das Rentensystem weist Prof. Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hin. Da ärmere Menschen früher sterben, zahlen sie im Laufe ihres Lebens mehr in das System ein, als sie tatsächlich im Rentenalter beziehen. Demnach finanzierten einkommensschwache Bürger quasi die Rente der Wohlhabenderen. Haan spricht von einer Umverteilung von unten nach oben, dieses Phänomen werde sich in den kommenden Jahren noch verstärken.
Berlin (pag) – Der Kongress Armut und Gesundheit thematisiert seit 1995 den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit. Doch was bewirkt die Veranstaltung? Prof. Gerhard Trabert ist bei der diesjährigen Tagung ungeduldig geworden. Zwar nehmen immer mehr Menschen daran teil, aber in der großen Politik tue sich „nicht wirklich etwas“.
In dem Programmheft heißt es, dass der Andrang auf den Kongress noch nie so groß gewesen sei wie in diesem Jahr. „Aber wieso erreichen wir keine Veränderungen in Denken und Handeln“, fragt der Arzt, der sich unter anderem für die medizinische Versorgung von Obdachlosen engagiert und darauf selbst die Antwort gibt: „Wir sind zu brav, wir sind zu lieb den politischen Verantwortlichen gegenüber.“ Um mehr zu bewegen, hofft Trabert auf Aktionen wie jene vor dem Brandenburger Tor, wo ein breites Bündnis von Organisationen gegen Barrieren im Zugang zu medizinischer Versorgung in Deutschland protestiert hat. Auch Petra Hofrichter von der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung kritisiert den Stillstand. „Wir bestätigen uns seit 23 Jahren, wie schlimm alles ist.“ Sie berichtet unter anderem von der Schwierigkeit, Politiker aus anderen Ressorts für den Kongress zu gewinnen.
Zusammenarbeit als Marathonlauf
Das Konzept „Health in All Policies“ steht dieses Mal im Fokus der Veranstaltung. Probleme bei der Umsetzung in der Praxis beschreibt Dr. Gabriele Schlimper am Beispiel Wohnraum. Folgende Zahlen nennt die Geschäftsführerin des Paritätischen Landesverbandes Berlin: 6.000 Menschen seien in der Hauptstadt obdachlos, 70 Prozent von ihnen hätten keinen regelhaften Zugang zum Sozialsystem und zur Gesundheitsversorgung. Hinzu komme, dass mindestens 35.000 Personen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe lebten – unter ihnen immer mehr Alleinerziehende mit Kindern. Schlimper fürchtet, dass viele Betroffene vom Status der Wohnungslosigkeit in den der Obdachlosigkeit wechseln werden. „Wir müssen davon ausgehen, dass in zwei bis drei Jahren Frauen mit Kindern auf der Straße leben.“ Die Frage nach der gesundheitlichen Versorgung in einer Stadt, in der es kaum noch bezahlbaren Wohnraum gebe, sei daher eine sehr konkrete und aktuelle – nicht nur in der kalten Jahreszeit. Dazu den zuständigen Innensenator aufs Podium zu bekommen, versucht Schlimper nach eigenen Aussagen händeringend. Man müsse Marathonläuferin sein, um zu erreichen, dass die Versorgung der Menschen auf der Straße von Politikern auch als ordnungspolitisches Problem erkannt und eine Zusammenarbeit – etwa mit Polizei und Ordnungs-ämtern – etabliert wird. Es genüge nicht, darüber nur mit dem Gesundheitssenator zu sprechen.
„Health is a political choice“, mit diesem Zitat der Weltgesundheitsorganisation, das die internationale Gesundheitsexpertin Ilona Kickbusch auf der Veranstaltung in Erinnerung ruft, bringt sie die geschilderten Herausforderungen auf den Punkt.
Berlin (pag) – Wissenschaftler warnen bei der Kinderernährung vor einem Teufelskreis der Armut. Die frühe Prävention von Übergewicht ist aber auch eine ökonomische Notwendigkeit. Neue Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass mehr als die Hälfte der zwei- bis sechsjährigen Kinder mit Übergewicht oder Adipositas auch als Jugendliche diese Gewichtsprobleme behalten.
Der deutsche Staat wird bis zum Lebensende der heute übergewichtigen Kinder und Jugendlichen schätzungsweise 1,8 Billionen Euro Folgekosten aufbringen müssen, warnt die Gesundheitsökonomin Dr. Diana Sonntag auf einer Veranstaltung der Stiftung Kindergesundheit. Die ökonomischen Mehrkosten des lebenslangen Übergewichtes liegen bei 8.000 Euro für Jungen und bei 9.000 Euro für Mädchen. Anstelle sich gesellschaftlich auf hohe Therapiekosten einzurichten, wäre ein konsequentes Investment etwa in Vorbeugung durch Gesundheitsbildung und Kompetenzvermittlung in Familien, Kindertagesstätten und Schulen sinnvoller, argumentiert die Wissenschaftlerin der Universität Heidelberg.
Laut der dritten Erhebungswelle der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ vom RKI sind 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren aktuell übergewichtig oder adipös. Mit zunehmendem Alter steige die Übergewichts- und Adipositashäufigkeit. Das Institut weist außerdem darauf hin, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien von dem Problem deutlich häufiger betroffen seien als Gleichaltrige mit hohem sozialökonomischen Status.
Vor einem Teufelskreis der Armut warnen unterdessen Ernährungswissenschaftler der Fachgesellschaft Society of Nutrition and Food Science (SNFS). In einer Stellungnahme weisen sie darauf hin, dass Hartz-IV-Empfänger mit 2,77 Euro pro Tag ihre Kinder gesund und vollwertig ernähren sollen. Dieser Betrag liege „deutlich unter dem, was man für eine gesunde Ernährung rechnen muss“, sagt SNFS-Präsident Prof. Jan Frank. Den Ernährungswissenschaftlern zufolge sollte man nicht nur die Kalorien im Blick haben. Entscheidend sei die ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen. Fehlernährung im Kindesalter könne zu körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen führen – diese Kinder hätten dann ein höheres Risiko auch als Erwachsene in Armut zu leben.
Studien zeigen, dass die Qualität eines Lebensmittels, sprich die Menge an enthaltenen Mikronährstoffen, mit sinkendem Preis abnehme, während der Energiegehalt steige. Das Kind werde damit zwar satt, nehme aber zu viele Kalorien und zu wenig Mikronährstoffe auf. „Es kommt zu dem, was wir als ‚double burden‘ bezeichnen: Übergewicht bei unzureichender Versorgung mit Mikronährstoffen“, sagt Prof. Hans Konrad Biesalski, Universität Hohenheim. Die Forscher appellieren, den Hartz-IV-Regelsatz zu erhöhen. Auch Initiativen von Bundesministerien wie „IN FORM“ gäben zwar gute Ernährungstipps, seien jedoch mit 2,77 Euro täglich nicht umsetzbar. Rund vier Euro am Tag seien nötig um eine gesunde Ernährung für Kinder unter sechs Jahren zu gewährleisten.
Berlin (pag) – Der beste Katalysator für eine erfolgreich umgesetzte Health-in-all-Policies-Strategie ist offenbar eine bedrohliche Krise – ob Fukushima oder der Ausbruch der Aids-Epidemie. Diese Erkenntnis legt eine Expertendiskussion auf dem zweiten Zukunftsforum „Public Health in Deutschland“ nahe.
Das absolute Erschrecken, der „schwarze Hintergrund“, schaffe Handlungsbereitschaft für intersektorale Zusammenarbeit, erläutert Public-Health-Veteran Prof. Rolf Rosenbrock auf der Veranstaltung. Ähnlich klingt es bei dem Bundestagsabgeordneten Rudolf Henke (CDU), der zwar sagt, dass sich die Barrieren zwischen den verschiedenen Ressorts durchbrechen ließen, aber ohne politischen Handlungsdruck tue man sich damit sehr schwer. „Die Politik widmet ihre Aufmerksamkeit den Themen diskontinuierlich“, erklärt er, sprich das Problem bleibt bei den politischen Entscheidern nur für begrenzte Zeit auf dem Radar. Gefragt nach einem Positivbeispiel für eine intersektorale Gesundheitsstrategie (siehe Infokasten „Überall Gesundheit“) nennt Henke die Energiewende – eine Konsequenz der Nuklearkatastrophe von Fukushima, welche die gesundheitlichen Gefahren der Atomenergie vor Augen führte. Rosenbrock verweist auf die Aids-Epidemie: Die Krankheit, in den 1980er Jahren zum Beispiel vom „Spiegel“ als Homosexuellen-Seuche bezeichnet, habe in vielen Bereichen, wie etwa in der Bildungs- und Drogenpolitik, einen Paradigmenwechsel bewirkt.
„Wege zu Health in all Policies“ lautet das Thema der Podiumsdiskussion, bei der es darum geht, wie sich Public-Health-Anliegen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken lassen. Das gelingt offenbar, wenn der Gesundheitsaspekt an ein weiteres Thema gekoppelt ist. Als Beispiele nennen die Experten Ebola und Sicherheit sowie Mitarbeitergesundheit und Unternehmensprofit bei der betrieblichen Gesundheitsförderung.
Damit lasse sich die Schlagkraft erhöhen, argumentiert Rosenbrock, der insgesamt bei der deutschen Public-Health-Szene die Durchsetzungsfähigkeit vermisst. „Wir müssen auf dem Marktplatz der Meinungen noch viel hörbarer werden, wir müssen noch viel mehr Lobby sein“, appelliert er.
Die Community führt seit Jahrzehnten im Vergleich zu anderen Ländern eher ein Mauerblümchen-Dasein. Allerdings ist in jüngster Zeit einiges in Bewegung gekommen. Das liegt möglicherweise auch an einer 2015 veröffentlichten Leopoldina-Stellungnahme zu „Public Health in Deutschland“, die den Finger in die Wunden legt. Die Arbeitsgruppe mit ihrem Sprecher Prof. Detlev Ganten konstatiert unter anderem: „Die akademischen Strukturen in Deutschland zur Forschung und Lehre im Bereich Public Health sind zersplittert. Trotz kontinuierlicher Anstrengungen und Fortschritte entsprechen sie nicht immer nationalen Anforderungen und internationalen Standards.“
Identitätsfindung statt Abgrenzung
Die Veröffentlichung dürfte bei den Betroffenen für Aufruhr gesorgt haben. Als Reaktion erscheint, ein gutes Jahr später im September 2016, das White Paper „Public Health – Mehr Gesundheit für alle“. Die Autoren, zu denen unter anderem der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Prof. Lothar H. Wieler zählt, beschreiben darin Erfolge sowie aktuelle Herausforderungen. Sie verlangen zudem politische Impulse zur Stärkung von Public Health.
Überall Gesundheit
Health in all Policies (Gesundheit in allen Politikfeldern) zielt darauf ab, alle politischen Bereiche aktiv in Themen einzubinden, die für Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung relevant sind. Das bedeutet, auch Stadtplanung, Bildungs- und Sozialpolitik sowie Umweltpolitik tragen zu dieser intersektoralen Gesundheitspolitik bei. Der Bericht einer kalifornischen Task Force für Health in all Policies identifiziert etwa 34 Empfehlungen, die von Grünflächen bis hin zu bezahlbarem gesunden Essen und einem sicheren Wohnumfeld reichen.
Doch Hilfe kann nicht nur von außen kommen, auch die zahlreichen Akteure der Szene selbst sind gefragt. Identitätsfindung statt Abgrenzung, Netzwerken statt Zersplittern, große Themen anstelle deren Atomisierung – diese Parolen nennt Dr. Bärbel-Maria Kurth in ihrem Vortrag auf dem Zukunftsforum. „Wir sind dabei, ein gemeinsames Selbstverständnis zu schaffen“, sagt die RKI-Abteilungsleiterin. Allen Beteiligten ist bewusst, welche Herausforderungen angesichts der äußerst heterogenen Community – vom Gesundheitsamt Marzahn bis zum akademischen Public-Health-Lehrstuhl – damit verbunden sind. Zur Vernetzung der Szene soll das im Dezember 2017 zum zweiten Mal veranstaltete Symposium des Zukunftsforums beitragen. Mittlerweile koordiniert eine fast 30-köpfigen Steuerungsgruppe die Aktivitäten des Forums. Eine am RKI angesiedelte Geschäftsstelle unterstützt sie dabei.
Es gibt noch weitere Indizien dafür, dass sich hierzulande langsam etwas bewegt: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) etwa schreibt zur Stärkung der Public-Health-Forschung die Förderung von Forschergruppen aus. Und bereits 2016 hat die Gesundheitsministerkonferenz einen Beschluss zur Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes gefasst.
Globale Krisen in Altona
Aktuell ist zu beobachten, dass Global Health in den Fokus der „Public Healther“ rückt, auch das Zukunftsforum widmet sich diesem Thema ausführlich. Dass sich im Zeitalter der Globalisierung Public Health nicht mehr ausschließlich innerhalb der eigenen Staatsgrenzen betreiben lässt, liegt auf der Hand. Dr. Johannes Nießen, Leiter des Gesundheitsamts Hamburg-Altona, liefert in seinem Vortrag praktische Beispiele für die nationalen Auswirkungen internationaler Gesundheitsepidemien. Mit Blick auf Ebola, Schweinegrippe, aber auch die Flüchtlingskrise betont er: „Öffentliche Gesundheitsdienste bewältigen lokale und globale Gesundheitskrisen.“ Claudia Stein von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt es auf die Formel: „Global Health ist Public Health world wide.“
Global Health at home
Es dürfte vor allem die Ebola-Krise gewesen sein, die der Bundesregierung und insbesondere dem Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) das Thema nahegebracht hat. Immer wieder war in den vergangenen Monaten die Rede davon, dass sich Deutschland anschicke, auf diesem Feld eine Führungsrolle zu übernehmen. Nicht ohne Grund hat Gröhe im Jahr 2017 sechs Fachleute in ein internationales Beratergremium zur globalen Gesundheitspolitik berufen. Seitens der WHO reagiert man mit Erleichterung auf Deutschlands Ambitionen – was vor allem dem Rückzug der USA geschuldet ist. „Wir atmen auf“, sagt Claudia Stein auf dem Zukunftsforum. Stein ist beim WHO-Regionalbüro Europa Leiterin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation.
Stichwort Public Health
„Public Health ist die öffentliche Sorge um die Gesundheit aller“, definiert das Zukunftsforum. Deutschlands Rückstand bei Public Health wird oft historisch begründet, als Konsequenz der Pervertierung der Bewegungen der sozialen Medizin und der sozialen Hygiene durch die nationalsozialistische Rassenhygiene. Prof. Oliver Razum und Dr. M. Luisa Vázquez sehen einen weiteren Grund für die deutsche Schwäche: strukturelle Grenzen, die sich aus der mangelnden Verzahnung zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung und Public Health ergeben. Hier sehen sie politischen Handlungsbedarf.
Doch wie überzeugend kann Deutschland eine solche Führungsrolle verkörpern, wenn die eigenen Hausaufgaben bei Public Health noch längst nicht erledigt sind? Experten mahnen beispielsweise eine engere Verzahnung mit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an. Einen solch ganzheitlichen Ansatz unterstütze Deutschland schließlich auch bei seiner globalen Gesundheitsstrategie, argumentieren Prof. Oliver Razum, Universität Bielefeld, und die spanische Wissenschaftlerin Dr. M. Luisa Vázquez. In einem Editorial für das Fachjournal International Journal of Public Health fragen sie: „Germany is promoting holistic health system strengthening as part of its global health strategy – so why not also at home?“ (Als Teil seiner globalen Gesundheitsstrategie fördert Deutschland die gesamtheitliche Stärkung des Gesundheitssystems – warum also nicht auch zuhause?)
Ja, warum wohl nicht? Wer die Scharmützel zwischen dem GKV-Spitzenverband und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in der Prävention beobachtet, bekommt eine Ahnung davon, dass für solch eine Mission ein extrem langer politischer Atem erforderlich ist.