HIV-Bekämpfung: Erfolg auf der Kippe

Berlin (pag) – Die globalen Anstrengungen im Kampf gegen HIV stehen vor einer ungewissen Zukunft. Durch Sparmaßnahmen verschiedener Länder sind Erfolge in der HIV-Bekämpfung gefährdet, befürchtet der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Hendrik Streeck.

„In diesem Jahr haben nicht nur die USA angekündigt, die Gelder zu streichen, sondern auch Frankreich, Deutschland, England und die Niederlande“, konstatiert der Virologe Streeck in einer Veranstaltung des auf HIV/Aids spezialisierten Pharmaunternehmens ViiV Healthcare. Insgesamt finanzierten diese fünf Länder rund 90 Prozent des globalen Kampfes gegen HIV. Größter Finanzier waren die USA. Die weltweiten Budgets für Entwicklungshilfe gehen ebenfalls zurück. Das führe sehr wahrscheinlich auch zu Kürzungen in der internationalen Hilfe für HIV-Bekämpfung, befürchtet der CDU-Politiker.

Trotz aller Kritik hat Streeck auch Verständnis für die knappen Kassen der Bundesregierung. Dennoch warnt er davor, durch die Kürzungen die Erfolge der letzten Jahre in Teilen zu verspielen. Die Inzidenz werde moderat in die Höhe klettern, späte Diagnosen würden ansteigen. Er warnt auch vor weniger HIV-Screenings und mehr unbekannten HIV-Infektionen. Durch Therapieunterbrechungen komme es zu mehr Todesfällen und steigender Morbidität. „Die Sorge besteht zusätzlich, dass durch On-off-Therapieunterbrechungen auch Resistenzen entstehen“, so der Virologe.

© stock.adobe.com, Cienpies Design

UNAIDS-Ziel für 2025 verfehlt

Um weiterzukommen, brauche es politischen Willen, so Streeck. In der Corona-Pandemie habe man gesehen: „Wenn ein politischer Wille da ist, dann ist da auch ein Weg.“ Das erklärte UNAIDS-Ziel für 2025 lautet 95-95-95. Das heißt: 95 Prozent der mit HIV lebenden Menschen kennen ihren HIV-Status. Von ihnen erhalten 95 Prozent die HIV-Medikamente. Bei 95 Prozent davon wirkt die Medizin so gut, dass die HIV-Vermehrung unterdrückt ist und HIV nicht sexuell übertragbar ist. Einige Länder wie Botswana, Eswatini und Ruanda konnten dieses Ziel bereits erreichen. Weltweit sei man aktuell bei 86-77-72 – „also weit davon weg, was wir eigentlich erreichen wollten“, konstatiert Streeck.

In Deutschland habe man das Ziel verfehlt, moniert Dr. Hannah Linke, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Gesellschaft. 92-99-95 sei hierzulande der aktuelle Stand. Linke spricht auch über Patientengruppen unter dem Radar: Keinen Abfall bei Neuinfektionen habe es seit 1990 bei Menschen gegeben, die sich hierzulande auf heterosexuellem Weg ansteckten. „Menschen, die wir bis jetzt schlecht erreichen“, zeigt sie sich enttäuscht. Das gelte auch für Männer mit Migrationshintergrund, die Sex mit Männern haben. Und: Bei Drogengebrauchenden gebe es sogar steigende Raten von HIV-Neudiagnosen.

Trotz bedeutsamer Fortschritte, insbesondere in der Behandlung von HIV, stecken sich noch jedes Jahr 1,3 Millionen Menschen neu an. Heruntergerechnet heißt das: Alle 24 Sekunden erhält irgendwo auf der Welt jemand die Diagnose HIV-positiv.

Studie warnt vor deutlicher Versorgungslücke

Gütersloh/Marburg (pag) – Der Versorgungsengpass im ambulanten Bereich könnte sich dramatischer verschärfen als bisher angenommen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung über die Zukunftspläne von Hausärzten. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Gesundheitsforschung und Klinische Epidemiologie der Philipps-Universität Marburg wurden knapp 3.700 Hausärztinnen und -ärzte aus dem Bundesarztregister befragt.

Die jungen, neu dazukommenden Ärzte arbeiten tendenziell weniger …

24 Prozent geben an, innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Ruhestand gehen zu wollen. Veränderungen in der Wochenarbeitszeit der Mediziner wurden ebenfalls dokumentiert. Das Ergebnis: Die verbleibenden Ärzte planen, ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 durchschnittlich um 2,5 Stunden zu reduzieren. Dadurch könnte sich der drohende Ärztemangel noch stärker auswirken als bisher gemeinhin angenommen. Schon heute sind 5.000 allgemeinmedizinische Arztsitze unbesetzt. Laut Stiftung droht sich diese Zahl in den nächsten fünf Jahren zu verdoppeln.

Junge Ärzte arbeiten weniger

Der Projektmanager der Studie, Dr. Johannes Leinert von der Bertelsmann Stiftung, betont, dass die Wochenarbeitszeit „höchst relevant“ sei. Häufig blicke man nur auf die Zahl der Renteneintritte und die Zahl der Nachrücker. Die Arbeitszeitveränderungen seien oft rechnerisch überhaupt nicht berücksichtigt. „Dadurch wird die Versorgungslücke deutlich stärker als oft erwartet.“ Ein Grund für den Rückgang der Wochenarbeitszeit ist, dass die jungen, neu dazukommenden Ärzte tendenziell weniger arbeiten als die ausscheidende Generation. Durch Arbeitszeitverdichtung und effektiveres Arbeiten lasse sich nur ein Teil davon kompensieren. Künftig behandeln Ärzte also weniger Patienten pro Kopf als früher.

„Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen eine Entwicklung, auf die wir seit Langem hinweisen“, reagieren die Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes (HÄV), Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier. Ohne hausärztliche Nachwuchsinitiative werde es langfristig nicht gehen. Entscheidend dafür sei die Reform des Medizinstudiums. Hausärztliche Arbeit müsse deswegen im Medizinstudium dringend präsenter werden, fordern beide.

Länger in der Versorgung halten

… als die ausscheidende Generation von Ärzten. © iStock, AnnaStills und stock.adobe, Lumos sp

Die HÄV-Spitzen sehen in der Studie aber auch gute Nachrichten – die Bertelsmann Stiftung schreibt selbstbewusst: „Es gibt Lösungen, um die Engpässe großteils auszugleichen.“ Wer in der Studie angibt, aufhören zu wollen, bekommt die Folgefrage, ob er bereit wäre, unter bestimmten Bedingungen doch noch weiterzuarbeiten. Circa 15 Prozent stimmen zu. „Es gibt also ein Potential an Hausärzten, bei denen man es schaffen kann, sie länger in der Versorgung zu halten, wenn man die richtigen Maßnahmen trifft“, sagt Leinert. Die Stiftung nennt die Umsetzung notwendiger Digitalisierungsmaßnahmen, die Reduktion unnötiger Arztbesuche sowie neue Formen der fachübergreifenden Zusammenarbeit als Lösungsansätze. Buhlinger-Göpfarth und Beier sehen deutliche Anknüpfungspunkte: „Bürokratiereduktion, eine funktionierende Digitalisierung, aber vor allem auch die stärkere Übertragung von Aufgaben an unsere Praxisteams können die Praxen nachhaltig stärken.“

Reibungslose Transition – noch immer die Ausnahme

Wiesbaden (pag) – Der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin, die sogenannte Transition, ist oft unzureichend organisiert. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) fordern verbindliche Strukturen, damit der Übergang nicht zur gesundheitlichen Belastung wird.

© iStock.com, A-Digit

Gerade für junge Menschen, die an komplexen Krankheitsbildern wie Mukoviszidose, Typ-1-Diabetes oder seltenen, oft angeborenen Erkrankungen mit mehreren typischen Symptomen leiden oder eine Organtransplantation erhalten haben, sei dieser Wechsel mit Risiken verbunden. Werden Vorsorge und notwendige Therapien nicht konsequent fortgeführt, drohen den Expertinnen und Experten zufolge bleibende Schäden, Komplikationen und eine erhöhte Langzeitsterblichkeit.

Durch die medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte erreichen viele ehemals pädiatrische Patienten heute das Erwachsenenalter. Damit betreffen Erkrankungen, die früher nur in der Kinderheilkunde relevant waren, auch Internisten. Prof. Britta Siegmund, die in der Arbeitsgruppe Transition der DGIM, DGKJ und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie Konzepte für Übergänge in der medizinischen Versorgung entwickelt, betont: „Viele junge Menschen, die im Kindesalter Krebs hatten, entwickeln im Laufe ihres Lebens internistische Komorbiditäten wie Herz- und Nierenprobleme sowie Störungen des Hormonhaushalts.“ Diese Verlagerung erfordere ein vertieftes Wissen über Kinder- und Jugendkrankheiten in der Inneren Medizin sowie eng abgestimmte Übergänge.

Keine angemessene Betreuung?

Trotz Modellprojekten und einer Leitlinie hängt die reibungslose Transition in Deutschland bislang stark vom Engagement einzelner Einrichtungen ab. „Es fehlt an flächendeckenden, verlässlichen Strukturen und klar definierten Verantwortlichkeiten“, betont Prof. Lars Pape. Er ist Mitglied der AG Transition und hat die S3-Leitlinie zu Transition koordiniert. Eine Integration spezieller Angebote, die Heranwachsende beim Wechsel von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin unterstützen, in die Regelversorgung scheitere bislang auch daran, dass sie nicht dauerhaft finanziert seien. Ohne geordnete Übergänge bestehe die Gefahr, dass junge Menschen nach dem Verlassen der pädiatrischen Versorgung nicht mehr angemessen internistisch betreut werden – oder erst nach einem langen Versorgungsabbruch wieder Anschluss finden.

© iStock.com, Halfpoint

Mit einem gemeinsam herausgegebenen Schwerpunktheft, das parallel in „Die Innere Medizin“ und der „Monatsschrift Kinderheilkunde“ erschienen ist, möchten DGIM und DGKJ Ärztinnen und Ärzte für die Relevanz des Themas sensibilisieren. Das Heft beleuchtet unter anderem Transitionsprozesse bei Erkrankungen aus der Endokrinologie und Diabetologie, Nephrologie, Hämatologie und Onkologie, Pneumologie, Gastroenterologie, Hepatologie und Kardiologie. „Nur wenn wir das Wissen aus Kinder- und Jugendmedizin auf der einen und Innerer Medizin auf der anderen Seite zusammenbringen, können wir Versorgungslücken verhindern und die langfristige Gesundheit dieser jungen Menschen sichern“, betont die DGIM-Vorsitzende Prof. Dagmar Führer-Sakel. Jenseits der AG soll Transition noch stärker in der Aus- und Weiterbildung bei den Jahrestagungen in den Blick genommen werden, kündigt die Essener Internistin an, die im kommenden Jahr dem Internistenkongress als Präsidentin vorstehen wird.

 

Weiterführender Link:
Die Innere Medizin, Schwerpunktheft „Transition – Einführung zum Thema“, Juni 2025

Jede Zelle hat ein Geschlecht


Berlin (pag) – Frauen mit einer chronischen Nierenkrankheit erhalten schlechtere medizinische Versorgung als Männer. Kein Einzelfall, wie kürzlich auf dem Diversity in Health Congress von Inno3 deutlich wird. Dort fordern Experten personalisierte und geschlechtersensible Ansätze in der Versorgung.

Frauen mit chronischer Nierenkrankheit erhielten weniger Früherkennung als Männer, erklärt mkk-Chefin Andrea Galle. © iStock.com, manassanant pamai

Geschlechtsspezifische Medizin ist unverzichtbar, da biologisch weibliche und männliche Körper Krankheiten unterschiedlich wahrnehmen und Therapien verschieden verarbeiten“, betont die Vorständin der Krankenkasse mkk, Andrea Galle. Noch bleibe bei der Gendersensibilität viel Luft nach oben. Frauen mit chronischer Nierenkrankheit erhielten beispielsweise weniger Früherkennung als Männer, erklärt Galle. 
Und Männer mit chronischer Nierenkrankheit erhielten häufiger eine leitliniengerechte Therapie. Zu den Lösungsansätzen gehört für die mkk-Vorständin, biologische Geschlechtsunterschiede in Forschung und Leitlinien zu berücksichtigen. Interprofessionelle Zusammenarbeit sollte in ihren Augen gestärkt und spezialisierte Forschungszentren etabliert werden.

„Jede Zelle, jedes Organ hat ein Geschlecht“, konstatiert Prof. Anke Hinney, die kommissarische Direktorin am Institut für Geschlechtersensible Medizin, Universität Duisburg-Essen. Diese Verschiedenheit der Geschlechter bis auf die zelluläre Ebene müsse sich in geschlechtersensibler Versorgung sowohl in der Prävention, der Diagnostik als auch in der Therapie und Rehabilitation bemerkbar machen.

Unsere Bedarfe

Individuelle Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung blieben in standardisierten Behandlungsplänen unberücksichtigt, sagt Hanna Kindlein vom Verein „Akse – Aktiv und selbstbestimmt“. © iStock, Bill_Vorasate

Unter dem Radar blieben in der Versorgung auch oft Menschen mit Behinderungen, weiß Hanna Kindlein, Mitgründerin des Vereins „Akse – Aktiv und selbstbestimmt“. Aus Betroffenenperspektive berichtet sie auf dem Kongress von Ableismus in Gestalt fehlender barrierefreier Zugänge zu Gebäuden des Gesundheitswesens. Das wiederum verwehre Menschen mit Behinderungen das Recht auf freie Arztwahl. Die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung blieben in standardisierten Behandlungsplänen unberücksichtigt. Kindlein fordert, Menschen mit Behinderungen einzubeziehen, denn: „Wir wissen am besten, was unsere Bedarfe sind.

Im Dezember 2024 hat der ehemalige Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach einen Aktionsplan „für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen“ vorgelegt. Darin finden sich konkrete Maßnahmen, die etwa Arztpraxen beim Abbau von Barrieren unterstützen. Damit der Zugang zu Gesundheitsleistungen für alle einfach und möglich ist, müsse man „Hindernisse erkennen und abbauen – von der Stufe in die Arztpraxis bis zur komplizierten Erklärung einer Therapie“, appelliert Lauterbach.

Weiterführender Link:
Bundesministerium für Gesundheit, Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies 
Gesundheitswesen PDF, 77 Seiten

Angeborene Herzfehler: Fataler Versorgungsmangel

Frankfurt a. M. (pag) – Das Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF) warnt vor einem Engpass in der Reha-Versorgung von Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler (EMAH): Nur eine Handvoll Nachsorge-Kliniken würden den Ansprüchen von EMAH entsprechen. Auch Deutsche-Herzstiftung-Vorstand Prof. Stefan Hofer sieht die Lage kritisch: „Erwachsene mit angeborenem Herzfehler dürfen jetzt nicht in ein Versorgungsloch fallen.“

© istockphoto.com, bojanstory
© istockphoto.com, bojanstory

Schließlich gehe es um das Wohl von über 350.000 EMAH in Deutschland, die von Geburt an auf eine lebenslange spezifische Nachsorge ihres Herzfehlers angewiesen seien. Hofer sieht einen fatalen Mangel an Reha-Angeboten. Laut ABAHF warten die Betroffenen regelmäßig mehrere Monate bis zu einem Jahr, um einen geeigneten stationären Rehaplatz zu bekommen.

Die Wahrnehmung der ABAHF wird von der Datenlage gedeckt. Im März hat das vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderte Projekt Versorgungsoptimierung bei Kindern und Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern (OptAHF) erste belastbare Zahlen vorgelegt: Eine Auswertung von Daten des Statistischen Bundesamtes und der Barmer zeigt, dass entgegen der geltenden Leitlinie über 40 Prozent der EMAH nur hausärztlich versorgt werden. Darunter fallen selbst über 35 Prozent der Patienten mit komplexen Herzfehlern. Für die betroffenen Patienten ist dem Projekt zufolge damit ein „signifikant höheres Sterberisiko und das Risiko von schweren unerwünschten Ereignissen assoziiert“.

Eine neue Patientengruppe

Ein Grund für die Versorgungsprobleme ist eigentlich ein positiver: Seit den 90er-Jahren ist die Zahl der Todesfälle durch Fortschritte in der Behandlung drastischer gesunken als bei allen anderen Herzerkrankungen. Wie die Herzstiftung informiert, können heute über 90 Prozent der betroffenen Kinder das Erwachsenenalter erreichen. Damit ist mit den EMAH in Deutschland im Grunde eine völlig neue Patientengruppe entstanden, die weiterhin wächst.

Eine erfolgreiche Behandlung als Kind entspricht aber nicht zwangsläufig einer Heilung. Noch viele Jahre später kann es zu teils lebensbedrohlichen Verschlechterungen kommen, die für Betroffenen selbst nicht immer wahrnehmbar sind, da sie sich oft schleichend entwickeln. Nur durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen bei EMAH-Spezialisten können solche Komplikationen rechtzeitig ausgemacht werden.

 

© stock.adobe.com, Dedraw Studio
© stock.adobe.com, Dedraw Studio

Mangel an Experten
Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) zählt in Deutschland circa 180 EMAH-zertifizierte Kardiologen. Mehr als 150 davon sind Kinderkardiologen, hauptsächlich arbeiten diese in überregionalen EMAH-Zentren, Schwerpunktpraxen oder -Kliniken. In Reha-Kliniken fehle ihre Expertise dadurch zurzeit.
.
.
.

Ein „seltenes“ Weißbuch


Berlin (pag) – Ein neuer Aktionsplan, ein Weißbuch, mehr Sichtbarkeit: Mit handfesten Vorschlägen und Zielen tauschen sich betroffene Eltern sowie Bundes- und Europapolitiker auf einem Fachgespräch des Pharmaunternehmens Takeda anlässlich des Tags der Seltenen Erkrankungen aus. Im Blick haben sie dabei die Europawahl am 9. Juni.

Erich Irlstorfer weiß Manfred Weber, Chef der stärksten Fraktion im Europa-Parlament – der EVP – an seiner Seite. Irlstorfer, CSU-Bundestagsabgeordneter und Schirmherr des Tags der Seltenen Erkrankungen, kündigt an: „Wir werden ein Weißbuch erstellen“. Ein Weißbuch zu Seltenen Erkrankungen. Darin berichteten Selbsthilfeorganisationen, was in der Versorgung gut läuft und wo Verbesserungsbedarf besteht, so Irlstorfer. Nach derzeitigem Stand soll das Buch im Juni veröffentlicht werden. Doch wer ist wir? Da kommt Irlstorfers Parteifreund Weber ins Spiel. Denn dieser habe zu dem Bundestagsabgeordneten gesagt: „Wir müssen das europäisch machen.“ Das Buch soll sich an politische Entscheidungsträger in der EU und ihren Mitgliedsstaaten richten.

© iStock.com, Rawpixel

Für einen europäischen Aktionsplan zu Seltenen Erkrankungen rührt Geske Wehr die Werbetrommel. Sie ist Generalsekretärin von Eurordis, eine Allianz, die über 1.000 Patientenorganisationen vertritt und die Kampagne „#30millionreasons for Europe to take action on rare diseases“ gestartet hat, um eine neue Strategie anzustoßen. „In Europa haben wir das Problem, das nicht alle Medikamente, die zugelassen sind, verfügbar sind“, konstatiert sie.

Sie hofft, dass im Juni Politiker gewählt werden, die dem Thema Seltene Erkrankungen offen gegenüberstehen. Drei von ihnen sind beim Fachgespräch zu Gast. „Wir müssen in Ausbildung und Wissenstransfer investieren, um sicherzustellen, dass Orphan-Datenbanken effektiv genutzt werden“, fordert der zugeschaltete Spitzenkandidat der Familien-Partei Helmut Geuking. Live vor Ort ist Dr. Philipp Mathmann, Kandidat der Grünen für die Europawahl. „Es ist wichtig, die Gesetzgebung an die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten anzupassen und das Bewusstsein für Seltene Erkrankungen zu erhöhen”, wünscht sich der stellvertretende Direktor der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Münster. Seine zugeschaltete Parteifreundin und Europaabgeordnete Katrin Langensiepen glaubt, dass Orphan Diseases in den Fokus der EU rücken könnten. „Wir haben hier die Gelegenheit, gemeinsam eine Vision für die Zukunft zu entwickeln und die Versorgung nachhaltig zu verbessern.”

Pharmapaket ist Chefsache

Einige Hoffnungen werden in das EU-Pharmapaket gesetzt. So soll die Marktexklusivität für Orphan Drugs bei hohem ungedeckten Therapiebedarf um bis zu elf Jahre verlängert werden. In Deutschland genieße das Pharmapaket hohe Priorität und werde im Bundeskanzleramt „vorrangig“ behandelt, betont die SPD-Bundestagsabgeordnete und Kinderärztin Nezahat Baradari.
Doch nicht nur die EU-Ebene wird auf der Veranstaltung beleuchtet. Astrid Diederichs, deren Tochter mit dem Smith-Magenis-Syndrom lebt, will nicht, dass sich Angehörige oder Betroffene nach Diagnosestellung mit Krankenkassen, Schulämtern oder Therapeuten herumschlagen müssen. Ferner sollte die Lebensqualität erhöht werden, verlangt die Vertreterin des Selbsthilfevereins Sirius. „Das erwarte ich von der Politik.“

Braucht Deutschland eine Menopause-Strategie?

Warum ein „Da müssen Sie durch“ nicht mehr angemessen ist

Berlin (pag) – Die Menopause stellt noch immer ein gesellschaftliches Tabu dar, in der Gesundheitspolitik ist sie ein weißer Fleck. Das Thema sichtbarer zu machen, ist das Ziel eines kürzlich stattgefundenen Parlamentarischen Abends, auf dem über Strategien und ideologische Grabenkämpfe diskutiert wird.

Einen Tag vor der Veranstaltung im März unterschreibt US-Präsident Joe Biden eine Verordnung zur Förderung der Gesundheitsforschung für Frauen. Es sollen unter anderem Forschungslücken zu frauenspezifischen Krankheiten und Phänomenen wie Endometriose und Menopause geschlossen werden. Vielleicht ein Zeichen, dass sich der Umgang mit den Wechseljahren wandelt. Hierzulande sind davon immerhin neun Millionen Frauen betroffen.
Die allermeisten von ihnen wissen wenig über diesen Lebensabschnitt, der bis zu zehn Jahre dauern kann. Dass die Beschwerden, die in den Wechseljahren auftreten können, sehr vielfältig und auch unspezifisch sind, macht es nicht einfacher. In der (frühen) Perimenopause können das beispielsweise Wassereinlagerungen, Schwindel und Herzrasen sein, in der Postmenopause neben den landläufig bekannten Hitzewallungen auch Gelenkschmerzen oder zunehmende Kopfschmerzen beziehungsweise Migräne. Die Symptome treten in sehr unterschiedlicher Intensität auf: Ein Drittel der Frauen hat keine oder nur minimale klimakterische Beschwerden. Zwei Drittel leiden darunter, bei der Hälfte von ihnen ist die Lebensqualität dadurch beträchtlich eingeschränkt.

© iStock.com, DrAfter123

Nicht nur ein gynäkolgisches Thema

Oft können die betroffenen Frauen ihre Beschwerden nicht richtig einordnen. Und das geht offenbar nicht nur ihnen so, sondern auch vielfach den konsultierten Ärztinnen und Ärzten. Dass das Wissen in der Ärzteschaft zu diesem Thema noch ausbaufähig ist, wird während des Parlamentarischen Abends rasch deutlich. Das betrifft sowohl die Symptome als auch die zur Verfügung stehenden Therapien, mit denen die Beschwerden gelindert werden können. „Da müssen Sie durch“, ist ein Satz, den die ratsuchenden Frauen oft zu hören bekommen.
Dieser Aussage widerspricht Dr. Katrin Schaudig, Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, auf der Veranstaltung nachdrücklich. Ein erster wichtiger Schritt ist für sie, dass sowohl Frauen als auch Ärzte wissen, was in dieser Phase passiert. Die Gynäkologin macht sich daher für eine Awareness-Kampagne stark, auch mahnt sie an, dass die ausführliche Beratung in der Arztpraxis besser honoriert werden müsse. Ein weiteres Anliegen Schaudigs ist, dass die Menopause nicht nur als gynäkologisches Thema verstanden wird, sondern dass sich auch Hausärzte und Arbeitsmediziner damit stärker beschäftigen.

Teure Ignoranz

Besonders intensiv diskutieren Politiker, Ärzte, Unternehmer und Betroffene bei dem Termin darüber, wie mit den Wechseljahren am Arbeitsplatz umgegangen wird. Eine deutschlandweite Befragung des Forschungsprojektes MenoSupport zeigt, dass es noch reichlich Luft nach oben gibt. Die wichtigsten Ergebnisse: Von den über 2.000 befragten Frauen wollen knapp 20 Prozent der über 55-Jährigen früher in Rente gehen beziehungsweise sind bereits in Rente gegangen. Knapp ein Viertel der Befragten mit Wechseljahressymptomen reduzierte bereits ihre Arbeitsstunden und knapp ein Drittel war aufgrund der Symptome krankgeschrieben oder nahm unbezahlten Urlaub. „Das können wir uns als Gesellschaft in vielerlei Hinsicht nicht leisten“, kommentiert Schaudig mit Blick auf den Fachkräftemängel diese  Produktivitätsausfälle. Bei Unternehmen wie Edeka, welche die Brisanz bereits erkannt haben, klärt sie die Belegschaft über die Wechseljahre auf.

Vorbild Großbritannien

Auf politischer Ebene passiert dagegen derzeit noch nicht besonders viel. Im Koalitionsvertrag ist das Thema ausgespart. Die Union hat allerdings eine Kleine Anfrage zu den „Auswirkungen der Menopause auf Frauen“ im Oktober vergangenen Jahres gestellt. Begleitet wurde diese von einem Statement zum Weltmenopausetag am 18. Oktober, das Dorothee Bär und die Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagfraktion für geschlechterspezifische Gesundheit, Diana Stöcker, unterzeichnet haben. 
Letztere verlangt, dass die betroffenen Frauen mit all den Einschränkungen gesundheitlicher, aber in Folge auch wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art, nicht allein gelassen werden dürften. Die Politikerin sieht mehr Forschungsbedarf, „auch um die Frauen aus der Stigmatisierung zu holen und zudem Arbeitgeber zu sensibilisieren, wie dies bereits in anderen europäischen Ländern der Fall ist“.
Wenn über internationale Vorbilder diskutiert wird, richtet sich der Blick meist nach Großbritannien. Dort wurde im Februar 2022 eine Menopause-Taskforce etabliert. Diese adressiert im Wesentlichen folgende Bereiche: Gesundheitsversorgung, Bildung und Aufmerksamkeit für die Bevölkerung und Gesundheitsberufe, Unterstützung am Arbeitsplatz sowie Forschung. Ob eine so umfassende Strategie auch hierzulande auf die Beine gestellt werden kann, bleibt abzuwarten.

 

© stock.adobe.com, New Africa

Hormonersatztherapie (HRT) – ja oder nein?
Kein Thema wird im Kontext der Wechseljahre so kontrovers diskutiert wie die Hormonersatztherapie. Eine ideologische Lagerbildung kritisiert Schaudig, die fordert: „Wir müssen weg kommen von dem Schwarz-Weiß-Denken.“ Eine Gruppe fordere Hormone für alle, während die andere den Einsatz grundsätzlich ablehne. Eine Hormonersatztherapie „mit der Gießkanne“ verurteilt die Gynäkologin, nicht aber bei Frauen mit einem Leidensdruck, denn die Risiken seien „relativ niedrig“. Wichtig sei jedoch eine sorgfältige Aufklärung.
.
.

 

Weiterführende Links

Department of Health & Social Care (UK), Policy paper, Women‘s Health Strategy for England, Updated 30 August 2022, Website

Prof. Dr. Andrea Rumler, Julia Memmert, HWR Berlin, Forschungsprojekt MenoSupport, Ergebnisse der ersten deutschlandweiten Befragung zum Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz, Stand 04/2024, Präsentationsfolien, PDF, 45 Seiten

 

Inklusives Gesundheitswesen – ein langer Weg

Berlin (pag) – „Ein inklusives Gesundheitssystem für alle“ lautet der programmatische Titel einer Veranstaltung von gesundheitsziele.de, dem Aktionsbündnis Patientensicherheit sowie der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung. Jürgen Dusel, Behinderten-Beauftragter der Bundesregierung, attestiert dort dem Gesundheitssystem in Sachen Inklusion ein „Qualitätsproblem“ und kritisiert insbesondere die mangelnde Barrierefreiheit von Arztpraxen.

Dusel verlangt von der Regierung, den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag endlich umzusetzen. Damit ist der angekündigte Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen gemeint. Außerdem sollten bestehende Problemlagen nicht auf die „lange Bank“ geschoben werden. Konkret nennt er die Barrierefreiheit von Arztpraxen, die durch eine Änderung im Behindertengleichstellungsgesetz forciert werden soll, und die außerklinische Intensivpflege.
Der Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen erinnert daran, dass Deutschland vor knapp 15 Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat. Diese beschreibe „eigentlich eine Selbstverständlichkeit“ – nämlich, dass Menschen mit Behinderungen im gleichen Maße Zugang zum Gesundheitssystem haben sollen wie Menschen ohne Behinderungen. Dass die Realität hierzulande anders aussieht, zeigt die Begutachtung des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen: Gerade das Gesundheitssystem musste Dusel zufolge harsche Kritik vom Ausschuss einstecken. Angeprangert wurde die Diskrepanz zwischen guter finanzieller Ausstattung und mangelnder gleichberechtigter Teilhabe.

© istockphoto.com, smartboy10

Kein „nice to have“

Dusel geht davon aus, dass drei Viertel der Praxen nicht barrierefrei sind. Beispiel Gynäkologie: Dem Regierungsbeauftragten zufolge gibt es in Deutschland lediglich zehn Praxen, deren Behandlungssetting barrierefrei ausgestattet ist. Die Folge: Frauen im Rollstuhl nehmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil. Eine WHO-Studie hat ermittelt, dass Menschen mit Behinderungen weltweit eine 20 Jahre geringe Lebenserwartung haben – und zwar nicht aufgrund ihrer Behinderung, sondern aufgrund von Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen. „Diesen Zustand können wir nicht akzeptieren und nicht tolerieren“, appelliert Dusel. Es gehe bei Teilhabe nicht um ein „nice to have, sondern um die Umsetzung von Menschenrechten“. Aufgabe des Staates sei es nicht nur, das Recht zu setzen, sondern auch dafür zu sorgen, dass es bei den Menschen ankommt.
Kritisch fällt auf der Veranstaltung auch die Bilanz von Bundesärztekammerpräsident Dr. Klaus Reinhardt aus. „Passabel“ sei die Inklusion von Menschen mit sensorischer Behinderung wie Blind- oder Taubheit. Etwas besser findet er die Lage bei der Barrierefreiheit, wo Reinhardt eine gewisse Sensibilisierung beobachtet hat. Am allerwenigsten gelinge jedoch die Inklusion im Sinne von selbstständiger Partizipation am Gesundheitswesen von Menschen mit einer Lernbehinderung oder einer geistigen Behinderung. „Da haben wir wirklich noch viel Potenzial und sollten uns mehr Mühe geben“, findet der Mediziner.

Gesundheitsversorgung: Menge statt Qualität?

Berlin (pag) – Eine Umfrage im Auftrag der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) offenbart ein zwiespältiges Bild: Die meisten Menschen sind mit der medizinischen Versorgung in Deutschland zufrieden, doch ein nicht unerheblicher Teil erlebt Defizite. Vorständin Dr. Gertrud Demmler mahnt weitreichende Reformen an, die die Ressourcen des Gesundheitswesens entlasten. Ein Problem: Aktuell sei das System auf Menge und nicht auf Qualität ausgerichtet.

© iStockphoto.com, FotografiaBasica

Geld, Fachkräfte und Materialien fließen Demmler zufolge vor allem in aufwendige Therapien und Angebote, die einen hohen Ressourcenverbrauch aufweisen. Dieser Mechanismus schaffe keine Anreize, nachhaltig zu handeln. Die Kassenchefin fordert: „Dieser mengenbasierte Verteilungsmechanismus sollte zu einem qualitätsbasierten weiterentwickelt werden.“ Profitieren sollten insbesondere Therapien, die aus Patientensicht einen hohen und langfristigen Nutzen haben. Voraussetzung dafür sei, die Qualität von Behandlungen über die Erfahrungen der Versicherten zu messen und die Ergebnisse transparent zur Verfügung zu stellen. Demmler ist überzeugt, dass auf diese Weise eine neue Qualitätsorientierung erreicht werde, welche wirksamere Therapien fördert. „Zudem sparen wir wertvolle Ressourcen ein und entlasten das medizinische Personal.“

Probleme beim Zugang

Die repräsentative Untersuchung, die das Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag der SBK unter 2.022 Teilnehmenden ab 18 Jahren durchgeführt hat, zeigt ein geteiltes Bild: Die meisten Menschen geben der Versorgung ein gutes Zeugnis. So bewerten 77 Prozent ihre letzten Erfahrungen mit einer Arztpraxis positiv. Doch: Jeder Vierte (24 Prozent) sieht die Notfallversorgung in der eigenen Region als nicht vollständig gesichert. 35 Prozent der Menschen, die schon einmal pflegebedürftig waren oder einen Menschen gepflegt haben, waren nicht zufrieden mit den Erfahrungen, die sie mit ambulanten oder stationären Pflegeeinrichtungen gemacht haben. 28 Prozent der Eltern mit Kindern bis 12 Jahren hatten Schwierigkeiten, eine Kinderarztpraxis zu finden.
Beim Zugang zur ärztlichen Versorgung schwankt die Zufriedenheit laut Umfrage: 80 Prozent können eine haus- oder allgemeinärztliche Praxis in angemessener Entfernung zu ihrem Wohnort besuchen. Allerdings haben 30 Prozent trotz dringendem Bedarf keinen Facharzttermin in angemessener Zeit erhalten. 37 Prozent der Menschen mit Erfahrungen mit ambulanter oder stationärer Pflege konnten in einer Pflegesituation nicht ausreichend schnell einen Platz im Heim oder einen Pflegedienst finden.

Die wichtigste Ressource

„Die Gesundheitsversorgung ist in einer angespannten Lage, das zeigen auch die Ergebnisse dieser Umfrage“, betont Gertrud Demmler. Auf absehbare Zeit werde die Überlastung aufgrund des demographischen Wandels eher größer. „Das heißt Arzttermine, Pflegeeinrichtungen oder Zeit für die Patientinnen und Patienten im Krankenaus werden eher knapper.“ Das sei nicht nur für die Patientinnen und Patienten eine schlechte Nachricht. Auch die Menschen, die sie versorgen, stehen zunehmend unter Druck. „Wir brauchen jetzt weitreichende Reformen, die die Ressourcen des Gesundheitswesens insgesamt entlasten. Und die wichtigste dieser Ressourcen sind die Menschen, die im System arbeiten.“

Frauenherzen schlagen anders

Berlin (pag) – Wenn eine Frau einen Herzinfarkt erleidet, ist für sie die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, deutlich höher als bei einem Mann. Aktuell liegt das ärztliche Augenmerk beim Infarktverdacht auf typisch männlichen Symptomen. Die Healthcare Frauen rufen daher gemeinsam mit der Herz-Hirn-Allianz und weiteren Akteuren zum #GoRedDay auf.

© iStockphoto.com, Panuwat Dangsungnoen

Am 2. Februar ist bundesweiter Tag der Frauenherzgesundheit gewesen. Ziel ist die Stärkung des politischen und öffentlichen Bewusstseins für Herzerkrankungen bei Frauen.
Zu den bekannten männlichen Infarktsymptomen zählen zum Beispiel stechende Schmerzen in der Brust. Dagegen macht sich ein Herzinfarkt bei Frauen eher durch Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schmerzen im Oberbauch bemerkbar. Bei solchen Beschwerden wird das Herz nicht sofort in Betracht gezogen, die richtige Behandlung einer Patientin verzögert sich. Es fehlen zudem große klinische Studien zur Frauenherzgesundheit hinsichtlich Medikation, Dosierung und Behandlungsmethoden. Ob in der Forschung, in der Diagnostik oder Therapie – das Thema Gesundheit basiert in der Regel auf männlich geprägten Daten, von der Erhebung bis zur Ableitung von Erkenntnissen. In der Folge werden Patientinnen missverstanden, fehldiagnostiziert und falsch behandelt. Herz-Kreislauferkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache bei Frauen, jeder dritte Todesfall in Deutschland geht auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zurück. Jedes Jahr sterben hierzulande ca. 20.000 Frauen an einem Herzinfarkt.

Konzertierte Aktion

Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach hat im Herbst 2023 eine konzertierte Aktion angekündigt, um Früherkennung, Vorbeugung und Arzneimitteltherapien von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verbessern. Die Healthcare Frauen halten mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die Risiken und Symptome einer Herz-Kreislauf-Erkrankung für dringend nötig, denn Männer und Frauen unterscheiden sich – auch beim Herzinfarkt, betont die Initiative. Gehandelt hat bereits die Herzchirurgin Dr. Viyan Sido. Sie hat eine Ambulanz mit spezieller Frauensprechstunde ins Leben gerufen. „Der Mangel an geschlechtsspezifischer Aufmerksamkeit kann zu suboptimalen Behandlungsergebnissen führen, da Medikamente und Therapien bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken können“, sagt sie. Es gelte, das Bewusstsein für die Relevanz der Gendermedizin zu schärfen. Es müsse sichergestellt werden, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der medizinischen Praxis angemessen berücksichtigt werden, um eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten, appelliert sie.

Alarmstufe Rot für mehr Aufmerksamkeit

Inspiriert vom „National Wear Red Day“ in den USA rufen die Healthcare Frauen und andere Akteure dazu auf, am 2. Februar ein farbiges Zeichen zu setzen: Unterstützerinnen und Unterstützer tragen ein rotes Accessoire oder Kleidungsstück, um auf die Herzgesundheit bei Frauen aufmerksam zu machen.